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Josefov als Nazi-Museum

Tschechien, Praha
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Ausläufer des Jüdischen Viertels: Entdeckungen abseits der Pariser Prachtstraße
„Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, dass ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß in einen leichten Trab“, zitiert Reiseführer Ivo Janoušek aus Franz Kafkas „Beschreibung eines Kampfes“, die Jaroslav Róna 2003 in seiner Kafka-Skulptur zwischen der Prager Heiligen-Geist-Kirche und der Spanischen Synagoge bildhauerisch umgesetzt hat. „Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen mit guter Schnelligkeit immer weiter in das Innere einer großen, aber noch unfertigen Gegend, in der es Abend war.“
Galerie
Im "Haus zur Minute" neben dem Rathaus hatte Franz Kafka gewohnt.

„Josefov oder zu Deutsch Josefstadt wurde im 13. Jahrhundert per Königserlass zum jüdischen Viertel in Prag bestimmt“, erklärt Janoušek. „Mit der allmählichen Gleichstellung bis zur Verleihung der Bürgerrechte 1848 und der Auflösung des Ghettos zogen viele Juden, die es sich leisten konnten, in andere Prager Stadtteile, die meisten Gebäude verfielen.“

Hygiene oder Spekulation?
Verheerende hygienische Zustände in den Behausungen der verbliebenen verarmten Schicht veranlassten die Stadtverwaltung zwischen 1893 und 1913 zum weitgehenden Abriss des Viertels und der Anlage der Pařížká, der Pariser Prachtstraße mit prunkvollen Jugendstilhäusern – ein Grund dafür, warum auch gemunkelt wurde, dass die Verslumung der Josefstadt nur ein vorgeschobenes Argument war, in Wirklichkeit aber Grundstücksspekulanten hinter der Planierung des Viertels als maßgebliche Antreiber standen.
Josefov, Prags Judenviertel: Salvatorkirche.

„Östlich der Skulptur sehen Sie die heute katholische, ehemals evangelische Salvatorkirche“, beschreibt Janoušek die Umgebung. „Sie wurde durch die Paulaner zwangskatholisiert – ja, die kennen Sie sicher vom Münchner Bier.“ Deutsche Lutheraner investierten zwischen 1611 und 1614 ihren ganzen Reformeifer, um das an der Schwelle von der Gotik zur Renaissance hochgezogene Gotteshaus zu einer Zierde des Protestantismus zu machen. Die dreischiffige Basilika wurde später dezent barockisiert. Nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg (1620) nahmen sie Paulanermönche in Besitz. „Heute gehört sie der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder.“

Glöckelgeld und Zwangsmessen
Die Heilig-Geist-Kirche westlich der Dušní wurde ursprünglich als einschiffige gotische Hallenkirche mit den charakteristischen, zweifach abgestuften äußeren Stützpfeilern Mitte des 14. Jahrhunderts als Teil des Benediktinerinnen-Klosters gebaut. Im 17. Jahrhundert wurde sie zur Pfarrkirche umgewidmet und in diesem Zuge barockisiert. „Die Juden mussten sich unter der Herrschaft Ferdinands I. hier katholische Predigten anhören.“ Bis 1785 waren sie außerdem gezwungen, ein sogenanntes Glöckelgeld für das Läuten der Glocken gegen Überschwemmungen und andere Katastrophen zu entrichten.

„Wissen Sie, warum in Prag trotz der Besetzung der Stadt durch die Deutschen heute noch so viele Synagogen und die zwei jüdischen Friedhöfe existieren?“, wollte Ivo von den Oberpfälzer Gästen wissen. „Die Nazis mit ihrer wahnwitzigen antisemitischen Ideologie beabsichtigten, die Josefstadt als ,Museum der ausgelöschten jüdischen Rasse‘ anzulegen.“ Zum Glück habe sich die Wehrmacht während der Reichskristallnacht erst in den Grenzgebieten aufgehalten, weshalb das Viertel 1938 unzerstört geblieben sei. „Deshalb ist Prag für die Juden einer der wichtigsten Orte nach Jerusalem.“
Vom Mietshaus „Zum Schiff“ blickte Frank Kafka zur "Cechbrücke" - das Haus wich einem Hotel, die Jugendstil-Brücke Čechův most blieb bestehen.

Kafkas-Fensterblick und Moses Wiedergeburt
Am nordwestlichen Ende der Dušní, wo sich heute das Hotel Intercontinental im „Stil des internationalen Brutalismus“ (Volksmund) breit macht, stand einst das im Krieg zerstörte Mietshaus „Zum Schiff“, wo Franz Kafka wohnte und auf die Moldau blickte. „Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe die rechts von Cechbrücke zum Quaiplateau hinunter führt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluss eine Leitertreppe auf der Böschung, die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive“ (Tagebuchaufzeichnung Kafkas vom 29.9.1911).

In der Nähe der Altneu-Synagoge lümmelt die bronzene Moses-Statue von František Bílek von 1905. Der kniende Riese notiert auf seiner metallenen Pergamentrolle den Namen Adam, stellvertretend für alle Juden, für die er das verheißene Land sucht. 1937 wurde das Kunstwerk hier aufgestellt, die Nazis schmolzen es ein. Nach dem Original-Gipsmodell erstand Moses 1946 erneut von den Bronzetoten abgegossen und an seinem ursprünglichen Ort aufgestellt.


Die Angst des Kohen vorm Friedhof
„Als ich einmal eine Gruppe Juden am Alten Friedhof vorbeiführte“, erinnert sich Fremdenführer Janoušek, „wechselte der Kohen die Straßenseite. Ich war etwas irritiert, weil ich glaubte, dass er meinen Vortrag so schlecht finden würde.“ Als der Kohen, der im Tempel den Dienst am Altar ausübt, das skeptische Gesicht des Reiseleiters gesehen habe, habe er gleich beschwichtigt: „Das liegt nicht an Ihnen, wir dürfen nur den Friedhof nicht betreten – und die Wurzeln der Bäume könnten unterirdisch bis auf den Gehsteig rauswachsen.“ Deshalb sei er vorsichtshalber auf die andere Straßenseite gegangen.
Die segnende Geste des Kohen am Grabmal des Rabbi Meschullam Kohn.

Die Kohanim, Plural von Kohen, sind eine Untergruppe der Leviten, des tempeldienstlichen Stammes unter den Zwölf Stämmen Israels, direkte Nachfahren Aarons, eines Bruders Mose. Der Kohen Gadol, oder Großer Kohen, war die höchste religiöse Autorität des Judentums. Für sie gelten einige besondere Regeln und Reinheitsgebote. Sie dürfen nur jungfräuliche, keine geschiedenen oder verwitweten Frauen heiraten, sollen keine Friedhöfe betreten oder Tote berühren. Zu bestimmten Anlässen sprechen sie den Aaronitischen Segen mit einer Handhaltung, die zum Kohen-Symbol wurde, welches oft auf ihren Grabsteinen zu finden ist.
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