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Wem gehört Breslau?

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Von Böhmen gegründet, von Polen erhöht, von Preußen beherrscht
Von einem Böhmen-Herzog gegründet, als polnisches Bistum zur Bedeutung gelangt, von Mongolen niedergebrannt, von Habsburgern verwaltet, von Preußen erobert, von Nazis missbraucht, von Stalinisten belagert ist Wrocław/Breslau heute eine moderne polnische Metropole mit deutsch-schlesischem Kulturerbe.
Galerie
Breslau braucht einen mächtigen Friedensengel.
Panorama des alten Breslau.

Wem gehört eine Stadt? Kann es darauf eine eindeutige Antwort geben? Noch dazu in der Mitte Europas, welche die Völker der alten Welt munter durchquerten. Dem Gründer der ersten Siedlung? Dann wäre Wrocław, abgeleitet vom Personennamen Wrócisław oder Vratislav eine tschechische Stadt! Der böhmische Herzog Vratislav I., der im frühen 10. Jahrhundert über den Ort herrschte, soll die schlesische Oder-Metropole gegründet haben.

Kurz vor der Jahrtausendwende eroberte der polnische Piasten-Herzog Mieszko I. ganz Schlesien und mit ihm auch die Wortizlava civitate. Auch der deutsche Ortsname Breslau leitet sich vom Prager Adeligen Vratislav her. Im Jahre 1000 errichtete Bolesław der Tapfere auf der Oderinsel das bald bedeutende Bistum. Im Mittelalter wechselte die staatliche Zugehörigkeit wiederholt: Breslau wurde 1241 von Mongolen zerstört, entstand neu unter Magdeburger Stadtrecht, fiel unter Kaiser Karl IV. Mitte des 14. Jahrhunderts wieder ans Königreich Böhmen.

Die Stadt wächst zusammen
Die Germanisierung der Stadt begann unter den Habsburgern, die das schlesische Erbe übernahmen, und wurde forciert, nachdem Kaiserin Maria Theresia den Ersten Schlesischen Krieg 1742 und damit auch den größten Teil dieser Region an Preußen verlor. Endgültig zusammen zu einer Stadt links und rechts der Oder wuchsen deutsch- und polnischsprachige Siedlungen erst 1808, nachdem zuvor Napoleon mit dem Rheinbund die Stadt zwei Jahre besetzt gehalten hatte.
Großer Romantiker aus Breslau: Eichendorff-Denkmal.

1900 war die Hauptstadt der Provinz Schlesien fünftgrößte Stadt des Deutschen Kaiserreichs und es wurde überwiegend deutsch gesprochen – schon, um gesellschaftliche Aufstiegschancen zu wahren. In der Weimarer Republik konnte sich zunächst die SPD als stärkste politische Kraft in der protestantischen Hochburg profilieren. Allerdings stimmte 1933 eine absolute Mehrheit für die NSDAP und damit die Machtergreifung der Unmenschlichkeit.

Zerstörung der prächtigen Synagoge
Eines der ersten Konzentrationslager, das KZ Breslau-Dürrgoy, wurde am 28. April 1933 hier eröffnet. Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstörten Trupps der SA die 1872 erbaute Neue Synagoge Breslau, berühmt als einer der prächtigsten Synagogen Deutschlands. Ab November 1941 begann die Deportation der restlichen 1005 jüdischen Frauen, Männer und Kinder.
Weil die Alliierten Breslau von Bombenangriffen weitgehend verschonte, wurde die Stadt oft spöttisch „Reichsluftschutzkeller“ genannt. 1944 erklärte der oberste Staatswahnsinnige Adolf Hitler Breslau zur Festung.

Den Befehl zur Evakuierung der Stadt erteilte Gauleiter Karl Hanke – der für die eigene Flucht mitten in der Stadt eine Bresche für eine Landebahn schlagen ließ – erst acht Tage nach dem Durchbruch der Roten Armee an der Weichsel am 20. Januar 1945. Vor der sowjetischen Übernahme Breslaus flohen etwa 75 Prozent aller Bewohner, Tausende fielen dem kalten Winter zum Opfer. Bis zur vollständigen Kapitulation starben bei schweren Häuserkämpfen etwa 20 000 Zivilisten, 7000 sowjetische und 6000 deutsche Soldaten – darunter viele als Deserteure €Denunzierte, die wegen „Feigheit vor dem Feind“ exekutiert wurden. Erst im Zuge dieser Gefechte wurden gut Dreiviertel aller Gebäude, auch 400 bedeutende Baudenkmäler zerstört. Am 9. Mai übergaben Militärbehörden der Roten Armee die Stadt verwaltungsrechtlich an Polen.

Die Oder-Neiße-Linie dicht gemacht
Ab 30. Juni 1945 wurden dann die Grenzen dichtgemacht, neu erbaute Oder- und Neiße-Übergänge gesperrt. Die verbliebenen deutschen Bürger wurden entsprechend der so genannten Bierut-Dekrete vertrieben. Zuzügler hauptsächlich aus Zentralpolen, aber auch Polen, die durch die sowjetische Einverleibung Ostpolens aus den Regionen östlich des Bugs zwangsumgesiedelt wurden, siedelten sich in der Stadt neu an.
Mut aus Breslau: Das Geburtshaus Dietrich Bonhoeffers.
Nach Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens am 2. August 1945 wurde Schlesien offiziell polnisch, ehemaliges deutsches Vermögen durch ein Dekret vom 8. März 1946 enteignet. 1948 lebten in Breslau noch 7000 deutsche, aber bereits 300 000 polnische Bürger. Ab 1955 begann der Aufbau der durch den Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Innenstadt.

Nach der politischen Wende 1990 begann ein erneuter Wiederaufbau, dieses Mal im Geiste eines deutsch-polnischen Miteinanders, das auch das deutsche Kulturerbe miteinbezog. So wurde am 13. Juli 2006 die im Jahr eingeweihte Jahrhunderthalle zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Dieser Artikel ist Teil der Tour "Zeitreise durch Breslau"
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