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Viele Hürden vor den Römischen Verträgen - eine Zeitzeugin erzählt

Belgien
19.03.2017
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Die Ursprünge der EU liegen für viele im Nebel der Geschichte. Nicht so für Antoinette Spaak: Die Tochter eines der Gründerväter war bei den Verhandlungen zu den Römischen Verträgen hautnah dabei.

Brüssel (dpa) - «Ein Wunder» nennt Antoinette Spaak die Entstehung der Europäischen Union, nichts weniger. Als die Grundlagen besiegelt wurden, war der mörderische Zweite Weltkrieg erst zwölf Jahre vorbei. «Die sogenannten Siegerstaaten waren beinahe genauso zerstört wie die Besiegten», erinnert sich die 88-jährige Belgierin. «Da haben sie sich gesagt, dass es so nicht weiter geht.» Jetzt oder nie.

Wie es dazu kam, das hat die Tochter des damaligen belgischen Außenministers Paul-Henri Spaak fast hautnah miterlebt. Unter der Führung ihres Vaters handelten Vertreter Belgiens, der Niederlande, Luxemburgs, Frankreichs, Italiens und Deutschlands zwei Jahre lang die Römischen Verträge aus, die 1957 die Grundzüge der Staatengemeinschaft etablierten.

«Es war sehr schwierig. Es gab Augenblicke, wo es beinahe gescheitert ist», erzählt sie. Zum Beispiel, als es im Schloss von Val Duchesse bei Brüssel um Importbedingungen für Bananen gegangen sei. Wutschnaubend habe der sonst so sanftmütige Spaak da den Verhandlungstisch verlassen. «Ich lasse Sie allein», habe er den anderen noch zugeworfen, «weil Sie mir dermaßen auf die Nerven gehen, dass ich Ihre Verhandlung nur erschweren werde mit dem Gefühl der Empörung, das mich gerade im Griff hat.»

Für den Fall des Scheiterns drohte Spaak an, er werde auf einer Pressekonferenz verkünden, dass «der schönste Aufschwung der Menschheit auf Bananen ausgerutscht ist», berichtet die Tochter.

Doch Südfrüchte waren längst nicht das größte Hindernis. «Ich glaube, die jungen Generationen machen sich nicht bewusst, wie schwierig das war für europäische Politiker, den Leuten zu erklären, dass man Deutschland und Italien in die Diskussionen einbeziehen musste», sagt Antoinette Spaak. Zu frisch war die Erinnerung an die NS- Konzentrationslager und die furchtbaren Kriegsjahre. «Das war eine beinahe unmögliche Mission.» Niemals werde sie das akzeptieren, habe ihre Tante, die im Krieg den Sohn verloren habe, dem Vater entgegengeschleudert, niemals.

Doch Paul-Henri Spaak und seinen Mitstreitern war klar, dass die Nachkriegszeit eine seltene historische Chance zur Zusammenarbeit bot. «Sie hatten eine solche Begeisterung, ein solches Gefühl, dass, wenn man es nicht sofort macht, dass es dann später nicht mehr passiert», berichtet sie. Insbesondere die Benelux-Staaten seien mit einem «Gefühl der Dringlichkeit» an den Verhandlungstisch gekommen, auch Deutschland und Italien sahen ihre Chance. «Blieb noch Frankreich.» Dabei, die Franzosen im Boot zu halten, habe geholfen, dass ihr Vater, ein französischsprachiger Belgier, dermaßen verliebt gewesen sei in die französische Kultur.

Und der mehrfache sozialistische Premierminister und spätere Nato-Generalsekretär Spaak sei nicht nur besessen gewesen von der Vision eines geeinten Europa, sondern auch ein geschickter Verhandlungsführer. «Er war sehr sensibel für die Probleme der anderen», erzählt die Tochter. Geholfen habe auch die Herkunft aus dem kleinen Belgien, diesem Staat mit seinen verschiedenen Sprachgruppen und dem Sinn für Komplexität. «Er war sehr, sehr intelligent und sehr zukunftsorientiert. Er schaffte es immer, die Dinge als möglich einzuschätzen, als unabdingbar für künftige Generationen.»

Was ihr Vater vom heutigen Zustand der Europäischen Union halten würde, darüber mag die Tochter nicht spekulieren. Er ist schon vor mehr als vier Jahrzehnten gestorben. Einen Politiker wie den US-Präsidenten Donald Trump oder den geplanten EU-Austritt Großbritanniens, wer hätte sich das damals schon vorstellen können. Aber zum Zeitpunkt seines Todes 1972 sei Paul-Henri Spaak schon sehr ungeduldig gewesen wegen der Langsamkeit der europäischen Politik.

Antoinette Spaak selbst war nicht dabei an jenem regnerischen Märztag, als ihr Vater in Rom eine emotionale Rede hielt und für sein Land die Römischen Verträge unterzeichnete. «Das bedauere ich immer noch», sagt sie ein wenig wehmütig. Aber die damals 28-Jährige wollte als junge Mutter ihre beiden Söhne nicht in Brüssel zurücklassen. Ihre eigene politische Karriere als Vorsitzende der Regionalpartei FDF, belgische und europäische Abgeordnete sollte erst rund fünfzehn Jahre später beginnen.

«Aber ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre und an das Glück meines Vaters», sagt Spaak. In seinem Tagebuch habe er den 25. März 1957 den «schönsten Tag seines politischen Lebens» genannt.

 

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