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Sex, Crime und Nazi-Geld

Deutschland
16.02.2011
Von Jürgen Herda    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Siegfried Schröpf ist „Dicht dran“ an Grishams Anwaltsthriller-Spannung
Kleiner Verlag, regionaler Krimi-Autor? Die Erwartungshaltung täuscht. Siegfried Schröpfs zweiter Anwaltsthriller mit dem Protagonisten Thomas Schöngeist schafft eine professionelle Balance zwischen komplexer Rahmenhandlung und subtilem Spannungsaufbau, zwischen geistreichen Dialogen und ästhetischer Erotik, zwischen guter Unterhaltung und unaufdringlichen Botschaften.
Galerie
Siegfried Schröpfs Anwalt-Thriller "Dicht dran".
Der Plot
Die Wirklichkeit übertrifft manchmal die wüstesten Verschwörungstheorien. Schröpf legt in flott komponierten Handlungssträngen ein internationales Korruptionsgeflecht in der Automobil- und Zuliefererbranche frei. Intime Insiderkenntnisse des Autors lassen den Plot nie konstruiert wirken. Die Titelfigur, der Würzburger Anwalt Thomas Schöngeist, ist glaubwürdig, weil ihm weder Heroismus noch moralische Unfehlbarkeit angedichtet werden. Er bedient sich bei seinen Recherchen der effektiven Detektei des Ex-Polizisten Ralf Bendlin und der real existierenden Journalistin Gaby Weber („Daimler Benz und die Argentinien-Connection“). Alle Spuren führen weg von Schöngeists Mandanten Norbert Klamm, dem verhafteten Technikbereichsleiter des mittelständischen Zulieferbetriebs Brake, hin zu den Chefetagen der Auto AG und schließlich nach Argentinien.


Dass der investigative Anwalt dort ausgerechnet Simone wiedertrifft, die nach einer kurzen, aber heftigen Affäre mit Schönsgeist fluchtartig eine neue Stelle in den USA angetreten hat, ist eine legitime Zuspitzung. In einem parallelen Handlungsstrang hat sie herausgefunden, dass ihr verschollener Großvater nicht wie von der Familie angenommen, in Stalingrad gefallen ist, sondern sich in Buenos Aires eine neue Existenz aufgebaut hat – offensichtlich mit im korrupten System des General Perón sauber gewaschenen Nazi-Geld und auf verschlungenen Wegen verwickelt in die Auto-AG-Affäre. Das Wiedersehen hat chandlereskes Format: Verschleppt auf die Hazienda des Großvaters stehen sich beide in einem stickigen Schuppen gegenüber …
Gut geschmiert ist halb gewonnen.

Überquellendes Storyboard
Sollte der Autor mit einem Storyboard gearbeitet haben, dürfte die Tafel mit Pfeilen, Schnittmengen, Wechselbeziehungen zwischen den zahlreichen Figuren und historischen Bezügen übersät gewesen sein. Schröpf mutete sich eine stattliche Stofffülle zu und bewältigt sie meist elegant: Hintergrundinformationen spielt er leichtfüßig beim Lauf mit Kumpel Mani am Main aus, baut sie in die Berichte der Detektei ein oder verleiht Schöngeists verstorbener Frau Leonie in dessen Träumen Gestalt. Nur an wenigen Stellen überfrachten inhaltsschwere historische Zusammenhänge ein wenig die Dialoge, verlieren die handelnden Personen etwas die Übersicht.

Sehr positiv: Selbst Nebenfiguren sind – hier wird die Handschrift des Psychologen deutlich – subtil gezeichnet. Schröpf verzichtet auf schlichte Schwarzweiß-Malerei. Täter- und Opferrolle verschwimmen, die Akteure sind Menschen aus Fleisch und Blut, sie handeln nicht eindeutig gut oder böse, sie agieren oder reagieren in einem nachvollziehbaren Motivgeflecht – ohne dass sie dadurch der Verantwortung für ihr Handeln entbunden wären. Dadurch gewinnt der Roman jenseits seiner Unterhaltungsfunktion an qualitativer Tiefe: Die Einbettung der Geschichte in die legendäre „Rattenlinie“ – von der CIA als rat lines bezeichnete Fluchtwege von Nazis über Italien nach Südamerika – ist nicht nur oberflächliche Kulisse für Tango-verliebte Miflife-Criser, sondern gut recherchierte Zeitgeschichte.
Harter Markt der Autozulieferer.

Kein platter Moralismus
An keiner Stelle verfällt Schröpf in platte Moralismen. Klug diskutiert er die Mechanismen der Korruption, etwa wenn der Inhaber einer in die Affäre verwickelten Beratungsfirma seine jüdische Lebensgeschichte schildert: Der jüdische Großvater, technischer Leiter einer Zulieferfirma, erlebte die Insolvenz seiner Firma, weil diese nicht bereit war, Bestechungsgelder für Aufträge an die Automobilindustrie zu bezahlen – aus seiner Perspektive Teil der verhängnisvollen Verkettung von Faktoren, die den Niedergang der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nazis ermöglichten. Ketzerische Frage: Hätte eine toughere Wirtschaftspolitik in letzter Instanz die Rassegesetze verhindert?

Vorbilder werden erkennbar, an einer Stelle sogar ausdrücklich genannt: die Stieg-Larsson-Trilogie
mit dem politisch motivierten Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und der genialen Hackerin Lisbeth Salander – Detektiv „Bendlin schien eher ein Rechenzentrum mit IT-Spezialisten zu betreiben“. Einer seiner Mitarbeiter, Heiner Müller, war denn auch Mitglied des Chaos Computer Clubs. Ein spannendes Motiv, das vor dem Hintergrund der Wikileaks-Enthüllungen durchaus noch ausbaufähig wäre. Ob die Story, die an vielen Punkten die Realität streift, auch ein Schlüsselroman ist, können nur mögliche Betroffene in der Automobil- und Zulieferbranche beantworten. Es darf spekuliert werden.

Dieser Artikel ist Teil der Tour "LiteraTouren an der Goldenen Straße"

 

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