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Polizei vermutet organisierte Terror-Zelle hinter Attacken in Spanien

Spanien
18.08.2017
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Das Urlaubsland Spanien steht unter Terror-Schock. In Barcelona überfährt ein Terrorist Passanten auf einem Boulevard, in Cambrils verhindert die Polizei einen ähnlichen Anschlag. Seinen Ursprung könnte der Terror in einer Kleinstadt namens Alcanar genommen haben.

Barcelona (dpa) - Hinter den Terrorattacken in Spanien mit 14 Toten steckt nach ersten Erkenntnissen der Polizei eine organisierte Islamisten-Zelle. Der mutmaßliche Haupttäter, der am Donnerstagabend auf Barcelonas Flaniermeile Las Ramblas mit einem Lieferwagen in Gruppen von Passanten gerast war, ist Medienberichten zufolge nicht mehr am Leben. Er sei unter den fünf Terroristen gewesen, die in der Nacht zum Freitag in der Küstenstadt Cambrils erschossen wurden, berichteten die Zeitung «El País» und andere spanische Medien am Abend unter Berufung auf Polizeikreise.

Vier weitere mutmaßliche Terroristen wurden festgenommen. Das Auswärtige Amt (AA) schließt nicht aus, dass sich unter den Todesopfern auch Deutsche befinden. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag für sich.

Bei dem Anschlag im Herzen Barcelona kamen 13 Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt. Nur Stunden später wurde im Badeort Cambrils rund 100 Kilometer weiter südlich eine Frau von flüchtenden Terroristen getötet. Die Polizei erschoss in der Touristenhochburg an der «Goldküste» fünf mutmaßliche Mitglieder der Terrorzelle und verhinderte damit einen weiteren Anschlag. Bei dieser Aktion soll auch der Fahrer des Tatfahrzeugs in Barcelona getötet worden sein, wie Medien ohne Nennung eines Namens oder von Einzelheiten berichteten. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es bis zum Freitagabend nicht.

Die Sicherheitskräfte hatten zuvor mitgeteilt, sie fahndeten nach einem 17-Jährigen mit dem Namen Moussa Oukabir als Haupttäter. Er soll seinem älteren Bruder dessen Pass gestohlen und damit den Transporter angemietet haben, mit dem Anschlag auf der Flaniermeile Las Ramblas verübt wurde. Ob Moussa Oukabir auch der Fahrer des Transporters war, war unklar.

Einen weiteren Vorfall gab es bereits am Mittwoch. Bei der Detonation in einem Wohnhaus in der kleinen Ortschaft Alcanar kam ein Mensch ums Leben. Die Explosion ordnet die Polizei inzwischen auch der vermuteten Terrorzelle zu, am Freitag wurde dort spanischen Medienberichten zufolge eine zweite Leiche gefunden.

Die Herkunft der 13 Toten von Barcelona ist noch nicht völlig geklärt. Fünf der Opfer seien noch nicht identifiziert, sagte ein Vertreter der katalanischen Regionalregierung am Freitag bei der Ankunft von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) in Barcelona. Damit sei auch noch nicht auszuschließen, dass Deutsche unter den Toten seien, fügte er hinzu. «Es ist möglich», aber bisher habe man noch keine Erkenntnisse darüber. Nach Angaben des Außenministeriums in Berlin wurden 13 Deutsche teils lebensgefährlich verletzt.

Der Anschlag in Barcelona erinnerte an einen ähnlichen Terrorakt vor fast genau acht Monaten auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Damals hatte der 24-jährige Tunesier Anis Amri einen Lastwagen in eine Menschenmenge gesteuert. 12 Menschen starben, fast 70 wurden verletzt.

Fotos aus Barcelona nach dem Anschlag zeigten am Straßenrand liegende Leichen. Augenzeugen berichteten, der weiße Transporter sei mit etwa 80 Stundenkilometern in die Menge gerast. Ein Tourist sagte, der Fahrer sei Zickzack gefahren, «um ein Maximum an Fußgängern zu erwischen».

Die katalanische Polizei geht davon aus, dass die Attacken in Barcelona und Cambrils nicht das Werk von Einzeltätern, sondern eines organisierten Kommandos waren. Zwischen beiden Taten bestehe ein Zusammenhang, teilten die Sicherheitskräfte mit.

Die Terroristen hätten die Attacken vermutlich seit längerer Zeit in Alcanar vorbereitet - dem 10 000-Einwohner-Ort südlich von Tarragona, in dem sich am Mittwoch die Explosion in dem Wohnhaus ereignet hatte. In dem Gebäude sollen nach Informationen der Zeitung «El Pais» etwa 20 Gasflaschen gelagert worden sein. «Alles begann in Alcanar», titelte das angesehene Blatt. Die Polizei gehe davon aus, dass der Terrorzelle etwa zwölf Mitglieder angehörten.

In Cambrils waren fünf Terroristen nach Angaben der Polizei kurz davor, einen ähnlichen Anschlag wie in Barcelona zu verüben. Die Männer ergriffen jedoch die Flucht, als sie mit ihrem Auto von der Polizei gestoppt wurden. Die Verdächtigen seien davongerast und hätten Passanten angefahren, hieß es. Dabei wurden sieben Menschen verletzt, eine Frau starb später.

Auf der Flucht kippte das Fahrzeug um. Nach Angaben der Polizei verließen die Insassen mit Äxten und Messern bewaffnet das Fahrzeug. Zunächst hatte es geheißen, die fünf Männer hätten Sprengstoffgürtel getragen. Diese erwiesen sich später jedoch als Attrappen, teilte die katalanische Polizei mit. Ein einzelner Beamter habe allein vier der fünf Männer erschossen. Ein Kollege habe den fünften Verdächtigen getötet.

In Ripoll 100 Kilometer nördlich von Barcelona, in Cambrils und in Alcanar nahm die Polizei bis Freitag vier mutmaßliche Terroristen fest. Keiner von ihnen sei bis dahin durch terroristische Aktivitäten in Erscheinung getreten, teilten die Sicherheitskräfte mit.

Die katalanischen Rettungsdienste teilten mit, die Opfer der Anschläge von Barcelona und Cambrils stammten vermutlich aus 34 Ländern. Die Zahl sei noch vorläufig. Wie viele Opfer jeweils aus welchem Land stammen, war noch ungewiss.

Seit vergangenem Sommer war es in Europa wiederholt zu Anschlägen mit Fahrzeugen gekommen. Im Juli 2016 raste ein Attentäter mit einem Lkw in Nizza in eine Menschenmenge. 86 Menschen starben. Beim Anschlag mit einem gekaperten Laster auf den Berliner Weihnachtsmarkt wurden im Dezember 2016 zwölf Menschen getötet. Im Frühjahr 2017 gab es zudem tödliche Attacken mit Fahrzeugen in London und Stockholm.

Nach dem islamistischen Anschlag von Barcelona einigten sich Union, SPD, Linke, Grüne und FDP auf leichte Einschränkungen beim Wahlkampf. Bei den Veranstaltungen werde am Freitag und Samstag auf laute Musik verzichtet, zudem werde es Gedenkminuten geben, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Freitag am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in Berlin gut fünf Wochen vor der Bundestagswahl am 24. September. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sagte, auch in einer politischen Auseinandersetzung sei es «wichtig, dass die Demokraten ein klares Signal der Geschlossenheit geben.»

Barcelona gedachte der Opfern mit einer Schweigeminute. Auf der berühmten Plaça de Catalunya versammelten sich am Freitag um 12 Uhr unter anderem auch König Felipe VI. und Ministerpräsident Mariano Rajoy sowie zahlreiche weitere Politiker und Behördenvertreter.

 

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