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München ist anderswo

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Vom Märchenkönig zum FC Hollywood: Der Traum vom Olymp im Irgendwie und Sowieso
Irgendwie wollten sie sowieso schon immer wer anders sein. Da ging's dem verschwenderischen Träumer Ludwig II. nicht anders als dem FC Hollywood – beide investier(t)en Unsummen, um in den weißblauen Kunst- und Fußballhimmel zu gelangen, aber meistens reicht's nur fürs Fegefeuer des Achtelfinales. Vielleicht liegt's einfach auch nur daran, dass sich im Himmel schon zuviel wirklich geniale Münchner drängen.
Galerie
Odeonsplatz: Wo der bayerische Löwe theatralisch die Theatinerkirche anknurrt.

Auch die Alltagsmünchner träumen sich nach Möglichkeit nach jenseits der Alpen und diese Illusion macht ihnen der Fön und die Architektur Ludwig I. leicht: Dessen Hofarchitekt Leo Klenze mühte sich an der Residenz und der Alten Pinakothek nach Kräften, Florenz an der Isar neu aufzubauen. Und hinter den Propyläen ließ sich Malerfürst Franz von Lenbach eine toskanische Villa bauen. Kein Wunder, dass heute dank geschickter Heiratspolitik den in den Ärzteadel aufgestiegenen Kosmetikerinnen das Tschau und Kaputschino leichter von den Lippen geht als ein Servus zum Haferl Kaffee.
Karl Valentin am Viktualienmarkt.

Zwischen Großkotz und urig
München steckt wie alle Großstädte voller Gegensätze: zu groß zum Erlaufen, aber gemütlich in seinen übersichtlichen Kiezgrenzen. Großkotzig wie die Starnberger-Fraktion und urig wie die Giesinger Löwen-Fans. Die Hauptstadt „der Bewegung“ und für einen ganzen Monat Deutschlands erste Räterepublik. Prall voll mit musealer Kultur und überschäumende Partygesellschaft in der Kultfabrik. Angetrieben von widerspenstigen Kunstfiguren wie Vlatz und dirigiert von der bayerischen Staatskanzlei. Biersaufendes Lederhosen-Klischee am Oktoberfest und hintersinnige Lach- und Schießgesellschaft. Standardisierter neudeutscher Konzernmainstream und altbairisch-valentinesker Hintersinn.

Natürlich geht"s den Spinnern in München zu guter Letzt" immer an den Kragen: Der Märchenkönig endete bei den Fischen, die Räterepublik kam unter die Räder rechter Freikorps, ja sogar ihren Karl Valentin ließen die Münchner am ausgestreckten Arm verhungern.Und auch heute hat ein goldener Wohnwagen am Wipfel eines Praterinsel-Baumes nichts verloren, auch wenn ein österreichischer Künstler ihn für ein Kunstwerk erklärt. Denn bei aller Toleranz, die Libertas Bavariae endet in Bayern immer noch dort, wo das gesunde Volksempfinden aufhört. Es sei denn, man spielt das Herz-Solo wie der Monaco-Franze. Denn auf seine Schlawiner, da lässt der Münchner nichts kommen, selbst wenn er wie der Helmut Fischer bekennender Sozi war.
Jüdisches Museum, Synagoge.

Jüdisches Kulturzentrum

Immerhin, auch die Stadtspitze müht sich redlich, die schlimmsten Verirrungen der eigenen Geschichte zu korrigieren: Das jüdische Kulturzentrum am Jakobsplatz mit Museum, Begegnungsstätte und Synagoge ersetzt seit 2006 das 60-jähriges Provisorium beim Gärtnerplatz, nachdem im Juni 1938 die Münchner Hauptsynagoge abgerissen, im November desgleichen Jahres bei der Reichsprogromnacht das letzte jüdische Gotteshaus niedergebrannt und 10 000 Juden aus München und Umgebung ins KZ Dachau deportiert worden waren.

Von München aus arbeitete Rainer Werner Fassbinder mit seinem „antitheater“ die restaurative Geschichte der verdrängungsbesessenen jungen Bundesrepublik auf. In den Bavaria-Ateliers wurden Meilensteine des kritischen deutschen Nachkriegskinos wie „Berlin Alexanderplatz“ gedreht. Die 68er Philosophie verbreitete sich posthum durch Sternstunden der Fernsehunterhaltung wie „Irgendwie und sowieso“ – und selbst die Lindenstraße ist der Versuch eines linken Boulevard-Infotainments mit den Mitteln einer Soap.
Stadtmuseum.

Münchner Kindl
Mit anderen Worten: Das scheinbare München ist nicht schwer zu finden: Etwas Humptahumptaträtärä am Oktoberfest, a zünftige Brotzeit im Hofbräuhaus, am Mass im Biergarten und vielleicht noch ein Championsleague-Spiel des FC Bayern. Doch das wirkliche Münchner Kindl, dessen Herz heute eher im Arbeterviertel Giesing als in den Studentenkneipen Schwabings schlägt, muss man sich hart erarbeiten: Wie ein 0:0 der Löwen im Grünwalderstadion.
Dieser Artikel ist Teil der Tour "Tour Metropolis"
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