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Minimal-Football reicht für FCB

Spanien, Madrid
27.04.2016
Von Jürgen Herda und unserem dpa-Korrespondenten    auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Atlético Madrid reichen fulminante zehn Minuten für den 1:0-Sieg
Keine Frage, Atlético Madrid, der fiese Stadt-Konkurrent von Real, erfüllte alle Klischees: Die ersten zehn Minuten ein Wirbel-Feuerwerk mit dem frühen Slalomtor von Saúl Niguez (11.). Ein Trainer Diego Simeone, der sich scheinbar als Fluglotse bewerben will, so sehr pusht er das Publikum. Eine eklige Betonmischmaschine nach der Führung auf einem bewusst vertrockneten Rasen – aber genau das hatte jeder erwartet und da rätselt man schon, warum ausgerechnet die behäbige spanische Riege komplett ran durfte und Ribery und Müller auf die Bank mussten. Eine Fehlkalkulation.
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Macht die Schnute: Bayern-Pep riecht die Lunte, folgt das dritte Halbfinal-Aus gegen einen spanischen Klub, weil die 0 auswärts bei den Bayern hinten steht?
Kein schönes Bild für die Bayern-Fans.

Madrid (dpa) – Klar: „Wir haben viel gesprochen über die ersten Minuten von Atlético Madrid“, weiß auch Pep Guardiola. Er hatte sich das ganz anders vorgestellt. Aber dann: „Wir verlieren Zweikämpfe. Ihr Trainer sagt, das wird passieren und die Spieler spielen.“ Dennoch kann er an seiner Taktik keine Fehler entdecken, schließlich: „Unser Spiel war Wahnsinn, wir haben sehr sehr gut gespielt.“ Denn: „Wenn du Atlético Madrid siehst, du hast normalerweise eine Torchance. Egal, was passiert hier, natürlich wir haben eine neue Chance.“

„Wir waren sehr gut eingestellt“, gibt Manuel Neuer seinem Trainer Recht, „wir haben die Aggressivität und den Mut vermissen lassen, das ist in der zweiten Halbzeit besser geworden – schade, dass wir uns nicht belohnt haben.“

In München wird gewässert
Über die schwache erste Hälfte kann man nicht viel sagen: ein Fehlpassfestival. „In der zweiten Halbzeit viele Torchancen erarbeitet“, erklärt Philipp Lahm stenografisch. „Sie haben einen sehr sehr guten Mix, agieren defensiv sehr gut zusammen.“ Und dann hatte man selbst nicht wirklich damit gerechnet, „dass wir so viele Chancen bekommen und die müssen wir dann natürlich nutzen“. Im München werde alles wieder gut: „Bei uns wird gewässert, da können wir schneller passen.“

„Wir haben uns ein bisschen schwer getan mit dem Platz“, kritisierte Lahm schüchtern die Greenkeeper der Madridelen, „der war sehr sehr trocken. Ich habe mir den Ball vorgelegt und dann geschossen. Wir wissen, dass wir noch ein Rückspiel haben, dass wir zu Hause sehr gut spielen können – mit unseren Fans in München kann alles passieren.“

Statt Matratzen ein Zwergentor

Zehn Minuten bestaunten die Bayern das Offensiv-Feuerwerk der Los Colchoneros, der „Matratzenmacher“ – die meistverkaufte Matratze Spaniens annodazumal war rot-weiß gestreift, wie die Vereinsfarben der Rojiblancos. Tja, was kann ein Kind für seinen Namen. Aber für das folgende Tor kann die gesamte Bayern-Abwehr um Frührente eingeben: Wie Fimpen, der Fußballknirps umrundet Saúl Niguez sieben Bayern-Zwerge und hudelt die Kugel ins lange Eck (11.) – vöööölllig überraschend machen die Atletiker, was seit Tagen angekündigt war: Pitbull-Taktik.
Weiß noch nicht, ob er Fluglotse und Christus werden will: Atléticos extrovertierter argentinischer Trainer Diego Simeone.

Klasse Idee von Pep: Zarte Kunstspanier dagegenstellen. Mit den schnellen Außenstürmern Douglas Costa und Kingsley Coman sowie Zielspieler Robert Lewandowski im Angriffszentrum wollte der Trainer des FC Bayern das Abwehrbollwerk der Spanier über die Flügel knacken. Der Plan missglückte im Estadio Vicente Calderón gründlich.

Übersteiger und andere Mätzchen
In den lange schüchternen Münchner Angriffsversuchen blieb das «CC»-Duo stumpf. Der Brasilianer Douglas Costa verzettelte sich mit Übersteigern und technischen Mätzchen. Er blieb im Dribbling meist an den robusten Gegenspielern hängen. Coman konnte auf dem rechten Flügel kaum in Aktion treten, eine flache Hereingabe landete in den Händen von Atlético-Torwart Jan Oblak (34. Minute). Der 19 Jahre junge Franzose Coman, dessen Startelfeinsatz verblüffte, konnte sein Tempo, seine Eins-gegen-eins-Stärke und seine Flankenstärke nicht ausspielen.

Franck Ribéry und Thomas Müller schauten von außen entgeistert zu. Die Lieblinge der Bayern-Fans dürften die Verkündung der Aufstellung in der Teamsitzung mit Erstaunen und Verärgerung vernommen haben. «Im Moment, wenn ich meine Entscheidung treffe, bin ich sehr kalt in meinem Kopf», hatte Guardiola unlängst berichtet.

Pep lässt sich Zeit
Müllers Bankrolle überraschte besonders. Der Weltmeister spielt eine sehr gute Champions-League-Saison. Er hatte acht Tore in den ersten zehn Spielen erzielt. Und der 26-Jährige war es auch, der im Achtelfinale gegen Juventus Turin mit seinem Kopfballtor in letzter Minute maßgeblich dafür gesorgt hatte, dass Guardiola mit dem FC Bayern überhaupt dieses Halbfinale gegen Atlético erreichen konnte.
Noch feiern die Bayern im sonnigen Madrid.

Ohne die Mentalitätsspieler Müller und Ribéry und ohne den verletzten Arjen Robben fehlten dem Bayern-Spiel Aggressivität, Leidenschaft, Mut. Guardiola reagierte lange nicht. Müller wärmte sich auf, munterte die Kollegen auf dem Spielfeld auf. Dann kam erst Ribéry (64.) für Coman und kurz darauf auch Müller (70.) für den blassen Thiago. Ribéry rieb sich in Zweikämpfen auf, Müller fand die entscheidende Lücke auch nicht.

Auswärtssieg abgeschenkt
Nicht falsch verstehen: Die Bayern hatten genügend Chancen für einen klaren Auswärtssieg – während des Powerplays Mitte der zweiten Hälfte hätten Alaba (Lattenschuss aus 30 Metern, 54.), Martinez (nach Costa-Ecke mit dem Kopf unbedrängt aus zehn Metern auf Keeper Oblak, 56.), Costa (nach feinem Pass vom Lahm mit dem komplizierten Heber aus 11 Metern halbrechts, 71.), Vidal (mit Riesenbums aus 16 Metern an Oblaks Fäuste, 74.).

Das ersehnte Auswärtstor konnten aber auch Peps «Joker» nicht mehr herbeiführen. Es war für sie  +–wie für den gesamten FC Bayern – ein frustrierender Europapokalabend. Und dann der eine Konter der Athleten, der alles hätte entscheiden können: Griezmann und Torres werden nach Ballverlust Ribérys im Mittelfeld freundlich bis zum Strafraum begleitet, Torres lässt Alaba ins Leere laufen und schießt per Außenrist an den Pfosten – der Nachschuss von Koke plumpst unplatziert in Neuers zitternde Arme (75.).!

 

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