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Kleines Fürstentum ganz groß

Liechtenstein
Von Monika Angerer   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Liechtenstein zwischen Tradition und Moderne
Lebt es sich in einem europäischen Fürstentum anders als anderswo? Abgesehen von der Fläche ist Liechtenstein ein Land der Superlativen: Immerhin ist Liechtenstein das erste Land der Welt in dem schon 1805 die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Und mit zirka 110 500 Euro pro Erwerbstätigem, haben die Liechtensteiner weltweit das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Auch in anderer Hinsicht hält Liechtenstein einen europäischen Rekord: Das Fürstentum war der letzte europäische Staat, in dem 1984 das Frauenwahlrecht eingeführt wurde… Nehmen Sie sich also ein wenig Zeit und entdecken Sie Überaschendes an Liechtensteins Land und Leuten. Die Liechtensteiner begrüßen Sie mit einem freundschaftlichen „Hoi“.
Galerie
Das Fürstentum Liechtenstein grenzt westlich an die Schweiz, östlich an Österreich und ist eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratisch-parlamentarischer Grundlage. Die Souveränität liegt sowohl beim Volk als auch beim Fürsten. Im Winter ist Liechtenstein, vor allem sein Bergdorf Malbun, ein beliebter Treffpunk für Wintersportfans. Der stark kultivierte Norden (Unterland) und der weniger bewirtschaftete Süden (Oberland) charakterisieren die Landschaft des Fürstentums.
Das Land hat einen starken Finanzsektor und wird wegen der tiefen Steuern als Steuerparadies bezeichnet. Im Rahmen der weltweiten Finanzwirtschaftskrise geriet die Fürstenmonarchie als Oase für Steuerhinterzieher in die europäischen Schlagzeilen. Mit 169 000 Schweizer Franken - zirka 110 500 Euro pro Erwerbstätigem haben die Liechtensteiner weltweit das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Liechtenstein ist Mitglied der Vereinten Nationen und des Europäischen Wirtschaftsraums, neben der offiziellen Landeswährung wird auch der Euro als Zahlungsmittel angenommen.

Vorgeschichte

Archäologische Funde auf Gutenberg sowie Eschnerberg weisen nach, dass das heutige Gebiet Liechtensteins seit der Jungsteinzeit besiedelt ist. Auf dem Gutenberg sind auch Kultfiguren aus Bronze entdeckt worden. Da das Tal vom Rhein häufig überschwemmt war und dadurch sumpfig war, waren nur die höher gelegenen Gebiete besiedelt. Seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. war das Gebiet von Rätern besiedelt. Es sind auch keltische Einflüsse feststellbar. Im Jahre 15 v. Chr. wurde das Gebiet des heutigen Fürstentums zur römischen Provinz Rätien erklärt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde eine Heerstraße gebaut, die von Italien über dem Splügen sowie Chur durch das heutige Liechtenstein nach Bregenz führte. Entlang dieser Straße entstanden in Liechtenstein römische Gasthäuser. Mit der Zeit vermischte sich die Sprache der Ureinwohner mit der Sprache der Römer, Latein. Daraus entstand die noch heute gesprochene Rätoromanische Sprache. Im 4. Jahrhundert begann die Christianisierung Liechtensteins in der Provinz Churrätien. Ein Merkmal des spätrömischen Reiches sind die Reste eines Kastells, welches um diese Zeit in Schaan gebaut wurde, um die nördlichen Alemannen abzuwehren.

Mittelalter

Nachdem das Römische Reich zerfallen war, wanderten Alemannen zu. Im 8. Jahrhundert wurde Rätien ins fränkische Reich eingebunden. Unter Karl dem Großen wurde 806 die fränkische Gaugrafschaftsverfassung eingeführt. 842 wurden erstmals Orte und Personen aus dem heutigem Fürstentum aufgelistet, so unter anderem Balzers, Schaan und Eschen. Zwischen dem 10. Jahrhundert und 1152 gehörte Rätien dem Grafen von Bregenz. Nachdem die Grafen von Bregenz ausstarben, wurde das ehemalige Rätien durch Erbteilungen aufgeteilt. 1396 wird die Grafschaft Vaduz reichsunmittelbar, bestätigt durch den König Wenzel, und untersteht damit nur dem Kaiser direkt. Die Grafen von Vaduz starben 1416 aus. Als Herrscher folgten die Freiherren von Brandis, welche aus dem Emmental stammten. Sie erwarben zudem den nördlichen Teil der Herrschaft Schellenberg. So wurde 1434 das Oberland (des Freiherren von Brandis) sowie das Unterland (der Herrschaft Schellenberg) vereinigt. Die Grenzen dieser beiden Herrschaften bilden die heutige Grenze des Fürstentums Liechtenstein.

Kriegszeiten
Das 15. Jahrhundert war in Liechtenstein von Kriegen geprägt: dem Alten Zürcherkrieg (1444–1446), dem Schwabenkrieg (1499–1500) sowie dem Appenzellerkrieg (1505). Diese Kriege brachten den Herrschaften viele Zerstörungen, Plündereien und Brände. Die größte Bedeutung hatte der Schwabenkrieg, da seitdem der Rhein die definitive Grenze zwischen der Schweizer Eidgenossenschaft sowie dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bedeutete. Dadurch geriet das spätere Fürstentum Liechtenstein für viele Jahrhunderte in eine Randlage. Im 17. Jahrhundert wütete die Pest, Hexenverfolgungen waren an der Tagesordnung, auch der Dreißigjährige Krieg forderte Opfer.

Das Fürstentum

Das Liechtensteinische Fürstenhaus zählt zu den ältesten Adelsfamilien Europas. Schon um 1136 wird mit Hugo von Liechtenstein erstmals ein Träger dieses Namens erwähnt. Er nannte sich nach der Burg Liechtenstein, welche sich südlich von Wien befindet. Das Material für diese Burg stammt aus einem Römersteinbruch, von woher der Name lichten Stein stammen könnte. In der Folge besaß die Familie Liechtenstein viele Ländereien in Niederösterreich, Böhmen und Mähren. Dokumentiert ist auch ein Ulrich von Liechtenstein, ein berühmter mittelhochdeutscher Minnedichter im 13. Jahrhundert.
1608 wurde die Familie Liechtenstein in den Fürstenstand erhoben. Am 23. Januar 1719 erhob Kaiser Karl VI. seinem Diener Fürst Anton Florian von Liechtenstein die beiden Herrschaften Vaduz und Schellenberg zu einem Reichsfürstentum mit Namen Liechtenstein. Dieser Tag gilt bis heute als der Geburtstag Liechtensteins. Es ist in der Geschichte eine Seltenheit, dass der Name eines Staates von einem Herrschergeschlecht herrührt. Obwohl der Fürst von Liechtenstein das Land regierte, kannte er es selbst gar nicht. Er lebte weiterhin in Wien und ließ Liechtenstein durch Landvögte im Geiste des Absolutismus verwalten, was zu Konflikten mit der Bevölkerung führte.

Souveränität unter Napoleon
Liechtenstein wurde zum letzten Mal Kriegsschauplatz, als es die Franzosen 1799 unter Napoleon Bonaparte durchquerten, um das nahe gelegene Feldkirch zu belagern. 1805 wurde in Liechtenstein – als erstem Land der Welt – die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Am 12. Juli 1806 erlangte das Fürstentum seine Souveränität durch die Aufnahme in den Rheinbund, nachdem das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst worden war. Der Wiener Kongress nahm Liechtenstein als selbstständigen Kleinstaat in den Deutschen Bund auf. Liechtenstein wurde damit zum einzigen deutschen Kleinstaat neben Luxemburg, der seine Souveränität bis heute bewahren konnte.
Anfang des 19. Jahrhundert wurde die wirtschaftliche Isolation Liechtensteins zu einem Nachteil, während die Industrialisierung in seinen Nachbarstaaten begann. Hinderlich wirkten sich auch die hohen Abgabenlasten an den Staat aus. Progressive Reformen wurden vom Fürsten abgelehnt. Im europäischen Revolutionsjahr 1848 drohte auch in Liechtenstein eine Revolution, letztlich aber blieb es beim Absolutismus.

Aufschwung und Verfassung
Durch einen Zollvertrag mit Österreich-Ungarn 1852 lief die Wirtschaft mit Schwerpunkt auf der Textilindustrie besser. 1858 wurde Johann II. Fürst von Liechtenstein. Er regierte das Fürstentum 71 Jahre lang bis zu seinem Tod 1929. 1861 erhielt Liechtenstein die erste Bank. 1862 trat eine neue konstitutionelle Verfassung in Kraft, die den Landtag als Volksvertretung vorsieht. Der Fürst regierte das Land weiterhin, doch der Landtag konnte in der Gesetzgebung nicht mehr übergangen werden. Im gleichen Jahr erschien zudem die erste Zeitung. Nach der Auflösung des Deutschen Bundes im Jahr 1866 wurde 1868 das Militär abgeschafft, welches bis dahin eine große finanzielle Belastung gewesen war. Ende des 19. Jahrhunderts setzte der Tourismus ein. Die Textilindustrie bot im Wesentlichen Arbeitsplätze für Frauen, jedoch kaum für Männer. Infolgedessen wanderten viele nach Amerika aus.

Zwei Weltkriege und ihre Folgen

Liechtenstein blieb im Ersten Weltkrieg neutral, wurde aber von den wirtschaftlichen Sanktionen gegen Österreich schwer getroffen. Die Textilbetriebe wurden stillgelegt und die Bevölkerung litt Hunger, Erspartes wurde durch die Inflation wertlos. Der Ruf nach einer demokratischen Verfassung wurde, zuletzt dank der 1918 gegründeten Christlich-Sozialen Volkspartei und Fortschrittliche Bürgerpartei immer größer. Die Verfassung mit direktdemokratischen Elementen wie Volksinitiative und Referendum wurde 1921 nach Verhandlungen zwischen dem Fürsten und dem Landtag in Kraft gesetzt.

1939 versuchte die nationalsozialistische Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein einen Putsch anzuzetteln, der jedoch scheiterte. Liechtenstein blieb während des Zweiten Weltkrieges neutral. 1945 traten Teile der 1. Russischen Nationalarmee der Deutschen Wehrmacht, nicht zu verwechseln mit der Wlassow-Armee, auf Liechtensteiner Gebiet über und wurden trotz massiven Drucks der Sowjetunion nicht an diese ausgeliefert. Während des Zweiten Weltkrieges entstanden neue Industriebetriebe in Liechtenstein. Auch die Nachkriegszeit war von einem anhaltenden Wirtschaftsaufschwung gekennzeichnet. Liechtenstein entwickelte sich schnell vom armen Agrarstaat zu einem Dienstleistungsland. Die wichtigsten Gründe für den Aufschwung waren der am 29. März 1923 abgeschlossene Zollvertrag mit der Schweiz, die Übernahme des Schweizer Franken und eine liberale Wirtschaftsordnung, verbunden mit einer niedrigen Besteuerung.

Ausländer und Frauenwahlrecht
Seit 1. Januar 1972 regelt ein Gesetz, dass die Zahl der im Fürstentum lebenden Ausländer nicht höher als ein Drittel der gesamten Einwohnerzahl des Landes betragen darf. Bei einer Volksabstimmung am 9. und 11. Februar 1972 wurde mehrheitlich gegen das Frauenwahlrecht gestimmt. Erst am 1. Juli 1984 wurde im dritten Anlauf das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Das Ergebnis der Volksabstimmung war extrem knapp: es waren 2370 Männer dafür, 2251 dagegen. Liechtenstein tat sich ähnlich schwer mit dem Frauenstimmrecht wie die Schweiz. Das Fürstentum war der letzte europäische Staat, der das Frauenwahlrecht einführte.

Neue Verfassung
Nach dem Tod seines Vaters Franz Joseph II. bestieg 1989 Fürst Hans Adam II. von Liechtenstein den Thron zu Vaduz. Das Fürstentum Liechtenstein ist inzwischen Mitglied wichtiger internationaler Organisationen, so unter anderem des Europarats, der Vereinten Nationen, des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und der WTO. In einem Referendum 2003 stimmten die Bürger Liechtensteins mit einem Ja-Anteil von 64.3 Prozent für eine Revision der Verfassung, Fürst Hans Adam hatte erklärt, im Falle einer Ablehnung das Land zu verlassen und nach Wien zu übersiedeln. Die neue Verfassung gibt dem Fürsten mehr Macht als in anderen Monarchien Europas, dafür hat das Volk neue Rechte wie die Absetzung des Fürsten, seine Zustimmung vorausgesetzt.
Die neue Verfassung hat sowohl national als auch international (z. B. seitens des Europarates) auch für Kritik gesorgt, da die in der Volksabstimmung Unterlegenen der Ansicht sind, die Demokratie werde dank eines mächtigen fürstlichen Veto-Rechtes eingeschränkt. Der Europarat führt auf Antrag derselben Gruppierungen aus diesem Grund einen Dialog mit Liechtenstein über die neue Verfassung. Am 15. August 2004 ernannte Fürst Hans Adam II. seinen Sohn, den Erbprinzen Alois von Liechtenstein, zu seinem Stellvertreter und betraute ihn mit der Ausübung der dem Fürsten zustehenden Hoheitsrechte. Der Fürstentitel selbst geht allerdings erst nach dem Ableben des Vaters auf den Sohn über.

Wirtschaft heute
Der Hauptwirtschaftszweig Liechtensteins liegt heute im tertiären Sektor: bei Banken, Treuhändern und sonstigen Finanzdienstleistungen. Dieser Sektor wird, wie einige internationale Beobachter kritisieren, durch sehr liberale Gesetze gefördert, die den Grau- und Schwarzmarkt geradezu „einladen“. Da mehr Arbeitsplätze vorhanden sind als von Einheimischen belegt werden können, gibt es in Liechtenstein viele Grenzgänger aus den benachbarten Staaten.

Tourismus
Das Fürstentum mit seinen beeindruckenden Bergpanoramen ist heute ein beliebtes Urlaubsziel. Ob man auf die Berge klettert, um die gigantische Aussicht zu genießen oder ob man einen der zahlreichen Rundwanderwege im Tal nimmt, um die Schönheit der Landschaft zu genießen - das Fürstentum ist für Naturliebhaber immer eine Reise wert. Das touristische Angebot reicht von Museumsbesuchen (Skimuseum, Briefmarkenmuseum), über winterliche Schlittenfahrten oder geführten Wanderungen auf Schneeschuhen, bis hin zum wohligen Faulenzen beim üppigen Fondue. Auch zu Fuß oder per Rad lässt sich das Fürstentum wunderbar erkunden: dabei ist der große Vorteil des kleinen Landes, dass in Liechtenstein alles auf kleinstem Raum stattfindet.
Überblick
 

 

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