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Von A bis Z in Goldlettern

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Die wichtigsten Persönlichkeiten, Charakteristika, Entwicklungen entlang der Goldenen Straße
Ein alphabethischer Crashkurs zur Goldenen Straße, die von eiligen Zungen übrigens als "GS" abgekürzt wird.
Galerie

H wie Jan Hus: Die Lebensgeschichte des Religonsrevoluzzers erzählen die Bärnauer Festspiele.

Hirschaus Akanthusaltar in der Vierzehn-Nothelfer-Kirche stammt aus dem Jahr 1710.

A wie Akanthus: Das distelartige Blattornament schmückt seit etwa 2500 Jahren korinthische Kapitelle. In Bayern und Böhmen vergoldeten barocke Holzschnitzer den Blätterkelch des Acanthus spinosus und komponierten Akanthusaltäre mit biblischen Szenen, die in vielen Kirchen entlang der Goldenen Straße bewundert werden können. Bis heute hat sich diese Tradition mancherorts erhalten.

B wie Böhmischer Wind: „An der böhmischen Grenz‘ hat’s an Fuhrmo‘ erwaht ...“, sangen die Altvorderen. Wenn in Tschechien ein Hoch regiert und in Bayern ein Tief sinniert, dann lässt der Druckausgleich den Böhmwind schon mal zur Orkanstärke anschwellen: „Dulijöh, dulijöh, dulijöh, duljöh – ganz recht is ihm gscheh‘n warum fahrt er so staad, dulijöh, dulijöh, dulijöh.“

C wie Choden: Die Chodové sind ein böhmisches Völkchen, das im Mittelalter von den Prager Königen zur Bewachung der bayerisch-böhmischen Grenze eingesetzt wurden. Bis heute pflegen sie vor allem rund um Domažlice/Taus eine reiche Volkskultur mit Dudelsack-Musik, prächtigen Trachten und ihrem eigenen Dialekt.

D wie Dientzenhofer: An ihm kommt die Goldene Straße nicht vorbei – die barocken Kirchen des Kilian Ignaz Dientzenhofer und seines Vaters Christoph (1689-1751, Prag) gehören zu böhmischen Dörfern wie Pestsäulen und Brückenheilige.

E wie Engelsgruß: Das in der Lorenzkirche zu Nürnberg freischwebende goldene Oval mit Maria und dem Erzengel Gabriel von Veit Stoß ist ein kunsthistorisch angemessener Auftakt unserer güldenen Tour.

F
wie fränkische Kerwa
: Natürlich gibt es mit Abstand die meisten Kirchweihfeste, also Kirwan, im Landkreis Amberg-Sulzbach: 130- mal treffen sich dort die Oberpfälzer Eingeborenen zum Aasinga, zur Baamwach und zum Zwiefachen. Aber auch die Franken lassen sich nicht lumpen: Das Vogelsuppenessen in Pommelsbrunn hat Kultcharakter. Mehr auf www.kirwa.net und www.kaerwa.com

G wie Goldene Bulle: Golden war nicht nur die Straße zwischen Nürnberg und Prag sowie die Reichtümer und Schätze der beiden Reichstädte, golden war auch das Siegel der Bulle – ein „kaiserliches Rechtsbuch“ – Kaiser Karls IV., eine Art mittelalterliche Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Beim Landratsamt hat Amberg den Kirwa-Paaren ein bronzenes Denkmal gesetzt.

H
wie Jan Hus
: Auf den Mann (1370-1415) aus dem südböhmischen Dorf Husinec bei Prachatice sind die Tschechen zurecht stolz – ein Jahrhundert früher als Martin Luther forderte der Reformator das katholische Establishment heraus und wurde dafür am Scheiterhaufen zu Konstanz, wohin er über die Goldene Straße wanderte, verbrannt.

I wie Ivan unter dem Felsen: Der Heilige Ivan, ein Einsiedler des 9. Jahrhunderts, soll sich einer Legende zufolge in einer Höhle unter einem Felsen niedergelassen haben, wo ihm Johannes der Täufer erschienen sei. Die Benediktiner ließen später an dieser Stelle ein Kloster errichten.

J wie Jan von Nepomuk: Das Standbild des Schutzpatrons der Bayern und Böhmen schmückt zwischen Nürnberg und Prag mehr Brücken als dieses Buch Seiten hat. Der böhmische Priester aus Pomuk bei Pilsen wurde Opfer einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung zwischen König Wenzel IV. und dem Bistum. Zum landesweit verehrten Märtyrer avancierte er jedoch durch das Gerücht, der Herrscher habe ihn foltern und schließlich in der Moldau ertränken lassen, weil er das pikante Beichtgeheimnis der Königin nicht verraten wollte.
K wie Kaiser Karl IV., Burg Karlstejn, Kurort Karlsbad, Prager Karlsbrücke...

K wie Karl IV.: Der Erfinder der Goldenen Straße wird 1316 als ältester Sohn des böhmischen Königs Johann von Luxemburg und seiner böhmischen Frau Elisabeth, des letzten Přemysliden-Sprosses, geboren. Als Siebenjähriger wurde er an den Pariser Hof geschickt. 1346 wird er als Karl IV. von einem Teil der Kurfürsten zum Gegenkönig Ludwigs des Baiern gewählt, 1355 bestätigt ihn Papst Innozenz VI. als deutschen Kaiser. Als einer der bedeutendsten spätmittelalterlichen Herrscher  machte er Prag zur Hauptstadt Europas und schuf eine neuböhmische Handelsstrasse nach Nürnberg.


L wie Liwanzen und andere Magentratzerl: Die böhmische Küche ist Teil des bayerisch-böhmisch-wienerischen Feinschmeckerkulturkreises und imponiert mit Knoblauchsuppen, knusprigen Enten und Gänsen, deftigem Schweinebraten mit böhmischen Knödeln und Kraut, in Mohn panierten Schnitzeln und natürlich kunstvollen Mehlspeisen wie Liwanzen mit Schlagsahne und Blaubeeren. Das Rezept links stammt von Karen Eckhardt: http://www.tschechische-kueche.de/rezepte/

M wie Musik: „Aus Böhmen kommt die Musik“ weiß ein Volkslied und damit
  ist nicht nur das Dreigestirn der tschechischen Klassik – Antonín Dvořák, Bedřích Smetana, Leoš Janáček – gemeint. Stars der Folkszene wie Čechomor gehören zur fort-geschrittenen Stunde zum Allgemeingut in der böhmischen Pivnice/Bierkneipe.

N wie Neuböhmen: Ja, auch viele von uns Oberpfälzern waren Böhmen – jedenfalls Neuböhmen. Die klammen Wittelsbacher hatten uns an den expandierenden Karl IV. verkauft, eine Tradition, die bis heute die Motive der Münchner Zentralregierung leitet. Jedenfalls erhielt der Kaiser nach seiner Hochzeit 1349 mit Anna von der Pfalz große Teile Mittelfrankens und der Oberpfalz mit Sulzbach als Verwaltungssitz.

O wie Originale: Schwejkscher Hintersinn, boarische Hinterfotzigkeit, das sind die Zutaten, die aus den Menschen in diesem Landstrich Originale machen. Nicht von ungefähr konnten die Räuber Heigl und Kneißl zu Nationalhelden avancieren und die Prager führten mit ausgetauschten Orts- und Straßenschildern sogar die Warschauer-Pakt-Besatzer an der Nase herum.

P wie Pilsner Urquell und... Prost!
P wie Pilsner Urquell: Das Pils, wie der Name schon sagt, wurde in Pilsen erfunden – 1842 vom bayerischen Braumeister Josef Groll. Die Liebe zum Reinheitsgebot ist eine weitere Gemeinsamkeit der Nachbarn.

Q wie heiße Quellen: Natürlich war es Karl IV., wer auch sonst, der 1370 bei einem Jagdausflug bei Karlsbad die erste heiße Quelle entdeckt haben soll. Daraufhin
erhob er den Ort Vary (= Kocher) zur königlichen Stadt Karlovy Vary (Karlsbad). Die Bäderkultur, die die Promis aus ganz Europa kirre machte, nahm ihren Lauf.

R wie Romane: Gut unterhalten in die Geschichte der Goldenen Straße eintauchen können Sie mit Jan Beinßens „Die Meisterdiebe von Nürnberg“. Spannende Zeit- geschichte in Krimiform bietet Pavel Kohouts „Sternstunde der Mörder“. Verfilmte Weltliteratur, die deutschtschechische Klischees kunstvoll parodiert, ist Bohumil Hrabals „Ich habe den englischen König bedient“.

S wie „Braver Soldat Švejk“ in Bärnau: So viel bayerisch-böhmischer Theaterteam-geist ist lobenswert – alle Jahre wieder bringt eine Laienschauspielgruppe mit Darstellern aus Bärnau und Tachov passende Stücke auf die Freilichtbühne. Etwa das Drama um Jan Hus oder Jaroslav Hašeks „Geschichte vom braven Soldaten Schwejk“.

T wie Tschech: In sagenhaften Zeiten geschah es, dass die Gebrüder Čech und Lech aus einem mächtigen Geschlecht die Tatra verließen und für ihren Stamm eine neue Heimat suchten. Beim heiligen Berg Říp, 30 Kilometer nördlich von Prag, ließen sie sich nieder – Böhmen, von lateinisch Bohemia, oder eben auf gut Tschechisch Čechy ward geboren.
Kunstfiguren wie Roboter und der Golem sind aus Böhmen.

U wie Utopie und Utopenec: Die beiden Begriffe liegen so nah beisammen wie Bayern und Böhmen. Utopien, wie die Vision des Jan Hus von einer reformierten Kirche, oder die des Rabbi Löw vom Schutzgeist Golem, der die Juden beschützen sollte. Auch der geistige Urheber des Roboters (tschech. robota = Arbeit) war ein Böhme: Karel Čapek, der Erfinder des Science Fictions (Die Molche). Utopenec allerdings ist eine in Essig „ersäufte“ Knackwurst – so wie es vielen Utopien in der realsozialistischen Wirklichkeit erging.

V wie Velká synagoga: In Pilsen ist nicht nur die Brauerei sehenswert, sondern auch Europas zweitgrößte Synagoge nach der Großen Synagoge zu Budapest. Das 1890 im maurischromanischen Stil fertiggestellte Gotteshaus steht Besuchern offen (außer am Sabbat).

W wie Winterkönig: Ein Stoff, aus dem die Dramen sind – nur ein Jahr durfte Friedrich V., pfälzischer Kurfürst mit Sitz in Amberg, als Winterkönig Böhmen regieren. Nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 gegen die Truppen des Kaisers verlor der Calvinist nicht nur das Königreich Böhmen, sondern auch sein Herrschafts- gebiet, die Pfalz, und seine Kurwürde.


X für ein U vormachen: Vormachen kann man den Bayern und Böhmen nicht so leicht etwas – da konnten Beckstein und Huber noch so sehr auf das X hinter der 50 pochen. Und auch die Tschechen lassen sich von den Machthabern ungern einseifen: Václav Havel wehrte sich seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 mit offenen Briefen gegen die totalitäre Politik Gustav Husáks.

Y wie Yin und Yang: Nach einer Umfrage unter Jugendlichen haben alte Klischees noch immer Bestand. Die jungen Böhmen halten die Deutschen für etwas arrogant, arg diszipliniert und steif. Umgekehrt meinen viele junge Bayern, die Tschechen seien unpünktlich und irgendwie uncool. So was passiert, wenn man sich nicht kennt – in Wirklichkeit ergänzen sich Bayern und Böhmen wie Yin und Yang.

Z wie Zlatá Cesta: So heißt die Goldene Straße, richtiger der Goldene Weg, auf Tschechisch.

Die Europäer suchten ihr El Dorado lange in den Wäldern Südamerikas. Dabei lag es vor der eigenen Haustüre: Die Goldene Straße führt in die Goldene Stadt, wo Kaiser Rudolf II. in seinen Alchemisten-Laboren im Goldenen Gässchen danach forschen ließ, ob sich das wertvolle Metall nicht auch chemisch herstellen ließe. Ob es ihm gelang? Nicht nur das Dach des Nationaltheaters lässt vermuten, dass die Prager dem Geheimnis zumindest sehr nahe kamen.

 


Dieser Artikel ist Teil der Tour "Die Goldene Straße"
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