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Das Deutsche A bis Z

Deutschland
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Werte, Witz & Wahnsinn made in Germany
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Autowäsche am Samstag: Es war einmal vor langer Zeit, in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, da begaben sich wie von Zauberhand geführt ganze Armeen deutscher Männer bewaffnet mit Wasserkübeln, Schwämmen und Putzmitteln zu ihren liebsten Kindern in den Garagen, Hinterhöfen oder auf den Wohnstraßen und massierten mit einer Hingabe ihre Blechhäute, als ginge es um ein erotisches Vorspiel. Eine Verschwörung der Arbeitgeber, Gewerkschaften und Waschstraßenbesitzer zerstörte diese leidenschaftliche Liebe.

Bach & Beethoven: Komponisten mit Weltruf wie Heinrich Schütz, Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Richard Wagner, Johannes Brahms oder Richard Strauss komponierten vom Barock bis zur Moderne europäische Musikgeschichte. Derzeit bemüht sich die Popband Tokio Hotel.

Currywurst oder Weißwurst: Es ist eine regionale Glaubensfrage. Der Pott schenkte der Welt die Currywurst rot-weiß. Bayern trug Bier, Brez’n, Knödel, Sauerkraut und Weißwurst in die UNESCO Liste geschützter Kulturgüter ein. Die Pfälzer trinken einen guten Tropfen zum Saumagen des Altbundeskanzlers (Helmut Kohls Leibspeise). Die Thüringer verteidigen ihre gigantesken Bratwürste gegen die fränkischen Stumpen. Die Sachsen schwören auf den Dresdner Christstollen. Die Niedersachsen variieren den Grünkohl, als ob es sich um Kaviar handeln würde. Die Hamburger haben sich an McDonalds verkauft, während sich die Berliner ihre Buletten erhalten haben.

Die Friesen pulen Krabben um die Wette und matschen Labskaus zusammen. Man merke sich also, die deutsche Küche gibt es nicht, es lebe der deutsche Küchenseparatismus: Aachener Printen, Bamberger Hörnchen, Bautzener Senf, Bremer Fischpflänzchen, Düsseldorfer Alt, Frankfurter Würstchen, Fränkischer Boxbeutel, Harzer Roller, Kassler Rippchen, Kölsch – nicht zu verwechseln mit Kölnisch Wasser, Lübecker Marzipan, Münchner Weißbier, Nürnberger Lebkuchen, Regensburger Knacker, Rheinischer Sauerbraten, Schwarzwälder-Torte, Spreewaldgurken, Ulmer Spatzen, Würther Zoigl...

Deutscher Schäferhund: Der Deutsche gilt zwar nicht als über die Maßen kinderlieb, dafür aber als ausgesprochen tierlieb. Ältere Damen hören gerne ihren Wellensittich mit dem Spiegel schmatzen oder sie tragen zitternde Wesen namens Rehpinscher Gassi. Der deutsche Biedermann und der Schutzmann teilen sich die Liebe zum tiefer gelegten Schäferhund. Der Rentner begnügt sich freilich oft auch mit Waldi dem Dackel. Alternative 68er tendieren zum Symbol der Unabhängigkeit und lassen diverse Katzen ums WG-Revier schleichen.

Einstein & Co: Die Deutschen gelten als erfinderisch. Johann Gutenberg schenkte der Welt den Buchdruck. Das herzögliche Brüderpaar Wilhelm IV. und Ludwig X. erließen das Reinheitsgebot für bayerisches Bier. Robert Koch entdeckte das Tuberkulosebakterium. Karl Benz, Gottlieb Daimler, Rudolf Diesel und Otto tüftelten am automobilen Wunderwerk, Otto Lilienthal eroberte mit seinem Gleitflieger die Lüfte. Heinrich Gübel konnte nicht wissen, dass über 100 Jahre später die EU seine Glühbirne verbieten würde. Werner Siemens entwickelte den Dynamo. Levi Strauss blaues Beinkleid hat Weltkarriere gemacht. Wilhelm Conrad Röntgen erschuf den durchleuchteten Menschen. Philipp Reis ermöglichte die Kommunikation durch Kilometer lange Kabel. Seit über 100 Jahren ärgern sich weltweit Millionen nicht über Josef Schmidts Spielidee. Otto Hahn spaltete den ersten Kern. Alfred Einstein dachte sich eine allgemeine und eine spezielle Relativitätstheorie aus. Konrad Zuse konstruierte 1941 den ersten Computer Z3.

Fischköpfe: Was manche für eine weitere deutsche Delikatesse halten könnten, ist in Wahrheit ein schmähliches Schimpfwort für Deutschlands Nordseebewohner. Wenn das Wort, was sich neckt, das liebt sich, auch im Land der Dichter und Denker Gültigkeit hat, dann müssen sich die Bayern und Preußen, die Ossis und Wessis, die Pottler und Ostfriesen herzlich schätzen – auf keinem Gebiet sind die Deutschen so erfinderisch, wie bei der Kreation neuer Witze auf Kosten der jeweiligen Nachbarregion.

Gartenzwerge & Kuckucksuhren: Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Von wegen. Stefan Raabs Kult-Gartenzaun-Song hat bewiesen, dass sich die Deutschen über alles streiten können. Was sie allerdings nicht daran hindert, den weltweit kitschigsten Nippes zu produzieren und auch noch aufzustellen. Aber sogar auf ihrem ureigensten Feld machte die Globalisierung den Deutschen einen Strich durch die Rechnung. Immer mehr Fälschungen der Schwarzwälder Kuckucksuhr aus Fernost tauchen am badensischen Markt auf. Besonders subversiv: Kolossale Gartenzwerge von monumentaler Hässlichkeit werden in rauen Mengen aus Vietnam an die deutsch-tschechische Grenze geliefert, wo die deutschen Grenzgänger Opfer ihrer zwanghaften Zwergsucht werden.

Hitler heute: Genau genommen, wir wissen es, war der Erfinder des grässlichsten Terrorregimes des 20. Jahrhunderts zwar Österreicher – aber das macht es auch nicht besser. Wie also umgehen mit dem selbsternannten Führer? Die öffentliche Meinung in Deutschland schwankt zwischen Dämonisieren und Ignorieren. Natürlich gibt es hervorragende Bücher über das Braunauer Phänomen, wie die Biographie von Joachim Fest und mit dem Film „Untergang“ von Oliver Hirschbiegels auch eine ernst zu nehmende Studie von den letzten Wochen des Diktators im Führerbunker. Bruno Ganz mimt den resignierten, entzauberten, dadurch auch menschlichen Hitler. Erstmals tragikomisch besetzte Dani Levy die Rolle eines von Kindheitstraumata geplagten, schwachen, aber trotz allem gefährlichen Tyrannen mit dem anarchistischen Komiker Helge Schneider. Der Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ ist eine Hitler-Karikatur in der Tradition von Charly Chaplins „Der große Diktator“ geworden. Er löste ein gespaltenes Echo aus, zumal sich Hauptdarsteller Helge Schneider selbst vom Film distanzierte, weil er ihm den Mut absprach, konsequent komisch sein zu dürfen.

Idole & Idealismus: Das haben Idole so an sich. Sie kommen und gehen und von manchen, wie dem vom vorausgehenden Buchstaben, will man dann gar nichts mehr wissen. Manche Idole werden von den einen geliebt, von den anderen gehasst – Martin Luther ist ein gutes Beispiel dafür. Der Reformator hatte glühende Anhänger, die seine Reformen gleich auch politisch für sich nutzten, und Todfeinde, die freilich seiner nicht habhaft werden konnten. Goethe und Schiller, zwei Nationaldenkmäler, möchte man meinen, wer kann schon über die beiden Klassiker meckern? Der eine über den anderen zum Beispiel und vice versa: Der Geheimrat etwa hielt gar nichts vom aufrührerischen Jugendwerk des Revoluzzers. Und letzterer beklagte sich bitter über die egozentrische Arroganz des Älteren.

Ein kleiner Trost für die alten Herren: Den Idolen von Heute geht es nicht viel besser. Während Billy von Tokio Hotel junge Mädchen reihenweise in verzückte Trance versetzt, treibt er hilflose Eltern in die Verzweiflung. Und ein deutscher Ex-Nationalkicker – dem einst noch egal war, ob er in Mailand oder Madrid spielen würde, „Hauptsache Spanien“ – schnitt in entwaffnender Offenheit des Pudels Kern an: „Wie man mit so einem Idol umgeht in Deutschland, da muss sich Deutschland schämen.“ Das eingebildete Idol heißt Lothar Matthäus, der grollt, dass er noch immer nicht darum gebeten wurde, die deutsche Nationalmannschaft zum vierten WM-Titel zu führen.

Jammern auf hohem Niveau: Man sage den Deutschen nicht nach, sie würden sich mit Krisen nicht auskennen. Deutsche sind Krisenfindungsweltmeister. Verliert ein sechstklassiger Fußballverein dreimal in Folge, ist die Krise da. Die Lokalzeitung wird es sich nicht nehmen lassen, einen Trainerwechsel, einem Systemwechsel und einem Mentalitätswechsel zu fordern. Der Verein muss darauf reagieren und tut es, indem er für viel Geld einen Krisenmanager engagiert. Der kann dann Buddha-Figuren im Vereinsheim aufstellen, als Fitnesstrainer einen Schachcoach anheuern und sich alle Spieler an den Händen fassen lassen, um gemeinsam Kumbaya my Lord zu singen. Ähnlich verhält es sich in Vorstandsetagen großer Konzerne: Der Krisenmanager managt die Krise, weshalb er die Krise tunlichst nicht beseitigt, die ihn ernährt. Und das deutsche Volk? Wenn drei von uns das K-Wort rufen, fallen die anderen 80 Millionen in den Chor mit ein: „Wir sind die Krise!“

Kohle, Stahl & der Ruhrpott:
Es gibt Tage, da weiß man auch als Journalist nicht mehr, was man denken soll. Klar, das liebgewordene Klischee vom Ruhrpott, in dem alle männlichen Säuglinge bereits mit Ruß verschmierten Gesichtern zur Welt kommen, mussten wir schon vor einer Zeit ad acta legen. Schließlich lesen wir schon seit Jahren die Imageanzeigen ausgezeichneter Marketingexperten, die die Region in ein ökologisches Paradies umdeuteten. Freilich wussten wir auch, dass sich die jeweilige Landesregierung noch schwer damit tat, ihren Wählern die bittere Wahrheit über den notwendigen Strukturwandel kund zu tun.
Als sich dann nach vielen Jahrzehnten die Kumpelpartei SPD aus der Düsseldorfer Staatskanzlei verabschieden musste, schien den Zechen die letzte Stunde zu schlagen – hoher Stahlpreis und teures Öl hin oder her. Doch pünktlich zur Eröffnungsfeier der Europäischen Kulturpottstadt Essen erleben wir einen neuerlichen Paradigmenwechsel. Just an der Stelle, wo eben noch das grüne Ruhrgebiet gefeiert wurde, erklären gutmütig aussehende Herren in seitenlangen Imagekampagnen, dass Deutschland die Braunkohle braucht – als Innovationsschub sozusagen, quasi ökologischer Grünkohl.

Lederhosen & Laptop:
Es gab Zeiten, da konnte die CSU in Bayern ihren Bürgern die tollsten Geschichten erzählen – außer von den drei notorischen Alibioppositionellen hätte man kein Widerwort vernommen. Also konnten die jeweiligen Landesherrn wie weiland die chinesischen Kaiser ihre Position auf die Zeit zurückführen, als der Herrgott die Welt verteilte. Manche meinen, sogar noch weiter zurück: „Es war einmal in einem Goldenen Zeitalter, als der große Führer Franz Josef Strauß in seiner unermesslichen Weisheit bemerkte, dass die Erde flach war, da nahm er sich ein paar Pflastersteine aus der Münchner Fußgängerzone und errichtete damit die bayerischen Alpen. Und er sah, dass sie hoch genug waren. Als dann nahm er einen Eimer füllte ihn in den Toiletten des Hofbräuhauses, nahm einen Spaten aus dem Wappen des Spatenbräu, grub einige Löcher und schüttete sie zu den bayerischen Seen auf. Und er sah, dass die treuen Staatsdiener und Hofnarren gerannt kamen, um ihre Sandburgen entlang des Starnbergersees zu errichten und er sah, dass er gut daran getan hatte. Und wenn er nicht bei der Bärenjagd im Fürstlichen Thiergarten derer zu Thurn-und-Taxis an einem kommunistischen Sabotageakt am Herzen zu Tode gekommen wäre, hätte er auch noch das Laptop mit den blau-weißen Rauten erfunden.

So aber musste sein Kammerdiener Edmund dieses schwere Erbe antreten und noch ehe er seinen Slogan „Wir in Bayern – Lederhosen und Laptop“ erklären, ja, noch eher er sich in überhaupt ausdenken konnte, verhedderte sich das blonde Fallbeil, wie ihn Freunde liebevoll nannten, in seinen eigenen Gedanken. Und so kam es, dass sich immer mehr Bayern von ihren Herrschern abwandten, und der Edmund erst in ferne Berlin verirrte und schließlich in die Verbannung auf die kleine pazifische Insel Europa geschickt wurde. Dort versucht er, den Inselverwaltern zu erklären, wie der Laptop erst nach Bayern kam, als es schon längst keine Lederhosen mehr gab.“

Meier & Müller:
Wer eine Expedition nach Deutschland ins Auge fasst, sollte sich mit den Sitten und Gebräuchen der dort lebenden Menschen vertraut machen – und mit ihren Namen. Dazu kann ein Blick ins Telefonbuch hilfreich sein. Dort wird der unvoreingenommene Forscher feststellen, dass trotz vereinzelter Überfremdungsängste der Name Patrick Owomoyela verhältnismäßig selten gelistet ist. Augenscheinlich hat sich bereits vor vielen Jahrhunderten eine Dynastie der Meiers und Müllers derart vermehrt, dass nach einer vorsichtigen Prognose des Statistischen Bundesamtes im Jahre 2089 etwa 79 % aller Deutschen entweder Meier oder Müller heißen. Keine Einigkeit konnte bisher darüber erzielt werden, ob sich die Meiers oder Müllers besser entwickeln.

Nietzsche & Co.: Unser gut gemeinter Ratschlag – nehmen sie Philosophen nicht allzu ernst. Sie sind letzten Endes auch nur Menschen. Denken Sie daran, dass ein Herr namens Aristoteles nach jahrelangen Feldstudien bei der Beobachtung hart arbeitender Sklaven zu folgendem, messerscharfen Schluss kam (aus dem Gedächtnis zitiert): „Sklaven sind zum Sklavendasein geboren, weil sie einen muskulösen Körperbau aufweisen. Während gegen Philosophen (wobei er hier an sich hinunterblickte) zum Denken geboren sind, entsprechend schwächlich ist ihre Physis.“ Der Mann, der als eine Säule des abendländischen Denkens gilt, hat auch über Frauen oder die Demokratie Erhellendes geäußert, aber da er keinen deutschen Stammbaum vorzuweisen hat, endet dieser Exkurs an dieser Stelle. Beschäftigen wir uns deshalb bevorzugt mit einheimischen Geistesgrößen. Friedrich Nietzsche etwa zeigte einmal wahre Größe, als er einem Brauereigaul weinend um den Hals fiel, nachdem der betrunkene Kutscher immer wieder auf das arme Tier eingedroschen hatte. Der große Nihilist musste daraufhin nach einem Nervenzusammenbruch zur treu sorgenden Schwester in Pflege gegeben werden – glücklicherweise schrieb Frl. Nietzsche daraufhin das Werk des sensiblen Bruders etwas um, und erfand die schöne Idee des Übermenschen, die dann später die Nationalsozialisten wieder aufgriffen.

Ein anderer Philosoph, der Zeit seines Lebens an körperlichen Gebrechen – und unter dem Spott seiner Zeitgenossen – litt, entwickelte ein recht herzliches Verhältnis zur Menschheit: „Der Egoismus ist kolossal“, konstatiert Arthur Schopenhauer, „er überragt die Welt. Wenn jedem einzelnen die Wahl gegeben würde zwischen seiner eigenen und der übrigen Welt Vernichtung, so brauche ich nicht zu sagen, wohin sie, bei den allermeisten, ausschlagen würde.“ Das Problem mit den Philosophen: Sie grübeln zu viel, weshalb auch im 20.Jahrhundert der nazistische Beitrag Heideggers zur Philosophiegeschichte der Menschheit eher nicht weitergeholfen hat. Und wir dürfen weiter bezweifeln, dass sich Theodor W. Adorno, der sich vor den Studenten gefürchtet hatte, und seine studentischen Verehrer geistig allzu nahe gekommen sind. Wenigstens gibt Niklas Luhmanns Systemtheorie nicht mehr vor, der Mensch könne an seinem Schicksal etwas verändern – nach jahrtausendelangem Sinnieren lieferte er die Schrift der Erkenntnis: Die Systeme regeln sich selbst – und schmeißen schlussendlich eines Tages auch die Philosophen vom Planeten.

Oktoberfest: Die ethnologisch treffendste Beschreibung des Treibens am Münchner Oktoberfest schildert ein unfreiwilliger Besucher aus dem alten China in Herbert Rosendorfers „Briefe aus der chinesischen Vergangenheit“. Völlig zu recht begreift der Mandarin aus dem 10. Jahrhundert die kultischen Handlungen der Festgäste als religiöse Rituale. Da werden Rauchopfer mit kleinen Stangen dar gebracht, die regelmäßig an den Mund geführt werden. Große Opfergefäße werden in schier übermenschlicher Selbstdisziplin hunderte Mal zum Mund gestemmt und wieder neu aufgefüllt, und schließlich kulminiert die Messzeremonie in einem geheimnisvollen Tanz, bei der sich die Eingeborenen die mächtigen leeren Glasvasen auf den Vierkantschädeln zertrümmern, während sie sich abwechselnd auf die in rohes Leder gekleideten drallen Schenkel klatschen und die, durch die Wucht der Einschläge verrutschten, Gamsbärte an den Hüten wieder zurechtrücken. Dazu verursacht eine Kaste von Priestern auf einem erhobenen Altar mit großen Metallwerkzeugen einen höllischen Lärm, indem sie entweder in diese Höllenmaschinen mit aller Kraft pusten oder auf ihnen herum dreschen – wohl eine Art Vertreibung böser Geister.

Öko, Bio und das gute Leben:
Wenn die Deutschen etwas machen, dann richtig. Als weltweiter Vorreiter konnte die deutsche Öko-Bewegung seit den 1980er Jahren nicht nur eine eigene Partei gründen, in viele Landesparlamente in den Bundestag und schließlich sogar in die erste rotgrüne Koalitionsregierung auf dem blauen Planeten führen. Die Grünen erreichten noch viel mehr. Alle deutschen Parteien haben inzwischen wesentliche Forderungen der erst verachteten, dann verspotteten „Müslis“ in die eigenen Parteiprogramme geschrieben. Und auch der Export der grünen Ideen in andere Länder entwickelt sich – typisch deutsch – exzellent: Sogar im postkommunistischen Nachbarland Tschechien saß zuletzt die Grüne Partei mit am Kabinettstisch.

Der größte Erfolg der Joschka Fischers, Jürgen Trittins und Renate Künasts war aber weder der kurzfristige Ausstieg aus der Kernenergie, noch die Einführung des Dosenpfandes und noch nicht einmal die Förderung der regenerativen Energieerzeugung. Das beste Vermächtnis ist die veränderte Einstellung vieler Deutschen zu ihrer Umwelt: Das Bewusstsein, dass Äpfel nicht um den Erdball geflogen werden müssen, um zu schmecken, dass regionale Wirtschaftskreisläufe Verkehr vermeiden und Erzeugern wie Verbrauchern gleichermaßen nutzen, hat die Nische der ökologischen Landwirtschaft beträchtlich wachsen lassen.

Pünktlichkeit & andere Sekundärtugenden:
Ich beginne mit einer These. Es gibt Deutsche, die weder pünktlich, noch besonders ordentlich, und alles andere als genau sind. Für diese kühne Behauptung gibt es zahlreiche Belege. Bedeutet das aber auch, dass den Deutschen im Allgemeinen ihre Sekundärtugenden abhanden gekommen sind? Zunächst die gute Nachricht: Unsere kurze Vorbetrachtung zeigt, dass dem Deutschen der akkurate Scheitel, der Rhythmus nach der Stechuhr und die roboterhafte Verrichtung von Tätigkeiten aller Art nicht in die Wiege gelegt wurde. Man hat sie im eingeprügelt und allmählich verliert sich die Erinnerung an diesen generationsübergreifenden Drill im historischen Dunkel der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Die Kehrseite dieser Feststellung:
Zwar hatte der inzwischen mehrfach gewendete Linkspolitiker Oskar Lafontaine mit der Bemerkung recht, mit den deutschen Sekundärtugenden könne man auch ein KZ betreiben. Ich möchte aber hier ergänzen, dass man mit Genauigkeit und Selbstdisziplin auch den Widerstand dagegen organisieren kann – sie sind nicht mehr als ein Instrument zur Erlangung von Zielen. Erst die Qualität des Ziels lässt sie zu teuflischen oder himmlischen Werkzeugen avancieren. Insofern möchte man den Deutschen zurufen: Reißt euch mal wieder am Riemen, ihr müsst jetzt nicht die Unzuverlässigkeit zu deutscher Perfektion führen.

Qualitätsarbeit & hohe Ingenieurskunst: Aber ja, es gibt sie noch, die deutsche Wertarbeit, das Prädikat „Made in Germany“, für das Konzerne wie BMW, Daimler, Siemens am Weltmarkt gefragt sind – selbst wenn viele Teile in ihren Produkten gar nicht mehr in Deutschland hergestellt wurden. Doch nur wenn sich die deutsche Wirtschaft ständig erneuert, kann das Land den stolzen Titel des Exportweltmeisters noch einige Zeit gegen den härtesten Wettbewerber, China, behaupten. Deutschlands Innovationsgeschichte ist lang. Um aus einer Idee ein erfolgreiches Produkt zu machen, ist Fleiß, Mut, starker Wille und ein wenig Glück erforderlich.

Auch renommierte Unternehmen wie Mercedes-Benz müssen sich von innen her erneuen – 1971 haben die Schwaben den Airbag erfunden. Wird Zeit, dass bei Elektro- und Hybridfahrzeugen bald wieder ein Durchbruch gelingt. 1987 entwickelten Forscher des Fraunhoferinstituts in Nürnberg das MP3-Format – nur leider besorgten die Vermarktung Firmen in Asien. Das sächsische Unternehmen dkk, seit November 1989 FORON, entwickelte 1993 einen umweltfreundlichen Kühlschrank, der ohne das Klimakillergas FCKW auskommt. 1997 gelang der Otto Health Care GmbH mit dem C-Leg das erste mikroprozessorgesteuerte Kniegelenk, das eine größtmögliche Annäherung an das natürliche Gehen ermöglicht. Durch eine intelligente Steuerungstechnik gelingt es ThyssenKrupp 2002 als erstem Unternehmen weltweit, einen so genannten TWIN-Aufzug zu realisieren, bei dem zwei Kabinen in einem Schacht fahren – große Förderleistung bei geringem Platzbedarf eröffnet neue Perspektiven in der Gebäudeplanung.

Religion & Libertas Bavariae: Die Kirchen in Deutschland werden immer leerer, aber dennoch hat die Religion – nicht nur der katholische und evangelische Mehrheitsglaube – einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Religiös verbrämter internationaler Terrorismus, Auseinandersetzungen um das Kreuz im Klassenzimmer oder die Frage, wo Musliminnen ein Kopftuch tragen dürfen und wo nicht, der Streit um den staatlichen Werteunterricht an Berliner Schulen, das alles sind Themen, zu denen sich die Kirchen zu Wort melden. Zwar ist die moderne Gesellschaft auch verfassungsrechtlich weltanschaulich pluralistisch – dennoch verweisen konservative Politiker gerne auf die Traditionen abendländischer Kultur, deren wichtigster Pfeiler, der christliche Glaube, zu verteidigen sei.

Inhaltlich hat sich allerdings gerade die katholische Kirche auf Positionen festgelegt, die hierzulande längst nicht mehr mehrheitsfähig sind. Das Nein zu hormonellen Kontrazeptiva, zu nichtehelichen oder homosexuellen Lebensgemeinschaften, zur In-vitro-Fertilisation, zur embryonalen Stammzellforschung oder die Ablehnung des Abbruchs künstlicher Ernährung bei irreversiblem Wachkoma wird nur von einer Minderheit der Gläubigen geteilt. Auch viele Vertreter der Partei mit dem großen C im Namen fühlen sich deshalb nicht mehr von Weisungen aus dem Vatikan gebunden. Gerade in Bayern, der Hochburg des Katholizismus, wo man sehr viel auf die Libertas Bavariae hält, haben sich in den letzten Jahren Politikerinnen wie Barbara Stamm im Streit um die Schwangerschaftsberatung oder die Babyklappe mit dem Klerus angelegt.

Schützenverein & andere Grausamkeiten: Wo zwei Deutsche zusammenkommen, da gründen sie einen Verein. Besonders auf dem Land gilt diese Regel noch ungebrochen. Die Mitgliedschaft im Schützenverein, beim Männergesangsverein, bei den Kaninchenzüchtern oder der Freiwilligen Feuerwehr ist Ehrensache. Ganze Lokalteile füllen die Berichte über Versammlungen, Vorstandsberichte und Neuwahlen. In den Städten hat sich das gesellige Wesen des Deutschen an die modernen Bedingungen der flexiblen Arbeitszeiten angepasst – man schließt sich heute lieber einer sozialen Initiative – wie Greenpeace, der Bund Naturschutz, der Tafel u. v. a. – an, bei der man nicht ganz so stark und dafür stärker projektbezogen gebunden ist.

Türkisch Kreuzberg:
Die Bundesrepublik Deutschland hatte in de Nahkriegsjahren einen gewaltigen Bedarf nach Arbeitskräften. Es herrschte Vollbeschäftigung, die Arbeitnehmer konnten sich ihre Stelle selbst aussuchen, also warb man in den 1950er Jahren so genannte Gastarbeiter in großer Zahl an. Über Aspekte der Integration dachte man damals kaum nach, schließlich war man der kuriosen Auffassung, dass der Mohr, sobald er seine Schuldigkeit getan hätte, schon wieder nach Hause abreisen würde. Dem war natürlich nicht so. Und als die Politik viele Jahrzehnte später feststellte, dass viele der aus den ländlichen Regionen Anatoliens nach Deutschland zugezogenen Familien noch immer kaum Deutsch sprachen, dass sich in Großstädten regelrechte Ghettos wie etwa in Berlin-Kreuzberg gebildet hatten, war das Erstaunen groß.

Plötzlich meldeten sich selbst ernannte Experten wie der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin zu Wort, ein rhetorischer Irrläufer der mit dem Gehalt eines Ministers auch schon mal Hartz-IV-Empfängern vorgerechnet hat, wie gut es sich mit weniger als fünf Euro am Tag leben ließe. Inzwischen Vorstand der Bundesbank ließ er sich zitieren: „Ich muss niemand anerkennen, der stets neue Kopftuch-Mädchen produziert.“ Nein, das muss der Mann mit dem Silberblick nicht, aber vielleicht sollte er zur Kenntnis nehmen, dass sich diese Menschen deshalb noch lange nicht in Luft auflösen. Wer keine Ghettos und Parallelwelten mag, sollte nicht verquaste Interviews geben, sondern dafür sorgen, dass eine konsequente Bildungs- und Integrationspolitik die Aufstiegschancen der zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter erhöht – und damit auch deren Sympathie für den deutschen Way of Life.

VW & andere Volkswägen:
Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ sieht schwarz für Deutschlands Automobilindustrie. Zu sehr habe man sich auf große und Mittelklassewagen konzentriert und keine Antwort auf Billig-Fahrzeuge wie den Dacia Logan gefunden. Außerdem seien deutsche Fahrzeuge häufig Umwelt belastende Spritfresser mit sehr hohem CO2-Ausstoß. Man Fachleute meinen freilich, aus der Titelgeschichte spreche womöglich auch ein wenig Ärger über die marode Lage der britischen Automobilindustrie. Tatsächlich liegt Deutschland beim Einsatz von Biokraftstoffen, der Entwicklung von CO2-neutralen synthetischen Kraftstoffen und der Zunahme von Erdgasfahrzeugen in der Europäischen Union an der Spitze. Hilfreich für das Image der deutsche Autobauer wäre aber sicher auch, wenn sich die Familien Piëch und Porsche weniger lustvoll gegenseitig demontieren und sich dafür stärker auf die Entwicklung eines neuen „Käfers“ konzentrieren würden – eines veritablen Volkswagens mit maximaler Umweltkompatibilität bei minimalem Preis.

Wetterbericht: Hier irrt die griechische Tragödie - je schlechter das Klima in Deutschland ist, desto populärer sind die Überbringer der schlechten Nachrichten. Zu einem Star der Szene stieg der Wetterunternehmer Jörg Kachelmann auf, der die jeweiligen Unwetterwarnungen, Tiefdruckgebiete, Strömungsrichtungen mit so nonchalantem Tonfall und ausgefeilter Gestik in Szene setzte, dass er in einer Direktwahl um das Amt des Bundespräsidenten sogar Schwiegersohn-Topfavorit Günther Jauch in Bedrängnis bringen könnte. Auf www.kachelmannwetter.de kann der geneigte Wetterinteressierte auch seine privaten Unwetter-Fotos hochladen.

Xanten: Die 2000-jährige Römer-, Dom- und Siegfriedstadt Xanten am unteren Niederrhein im Nordwesten Nordrhein-Westfalens ist die einzige deutsche Stadt mit einem X – und schon deshalb prädestiniert für ein deutsches A bis Z. Was aber wichtiger ist, sie ist der fiktive Herkunftsort des schneidigen Siegfried des Nibelungenliedes – eine mittelalterliche Dichtung die viele Jahrhunderte die Fantasie der deutschen beschäftigte. In Xanten soll der Sage nach die Burg des Königs der Niederlande gewesen sein. Hier beginnt die Geschichte mit Siegfried, dem Königssohn, der auszog um Ruhm, Reichtümer, Abenteuer und die Liebe seines Lebens zu suchen. Die Nibelungen – ein Mythos um Verrat und Treue, Liebe und Hass, Glück und Verderben. Mit diesem deutschen Epos setzt sich in Xanten ein neues Museum auseinander, der Nibelungen(h)ort.

Zoten: Sie wissen doch, was Zoten sind, nicht wahr? Na klar, schmutzige Witze, nach denen man sich am Stammtisch auf die Schenkel klopft. Wir können nicht ausschließen, dass diese Neigung keine alleinige deutsche Eigenart ist – aber wir müssen konstatieren, dass die Zoten durchaus Bestandteil des deutschen Humorwesen sind. Der Begriff erscheint bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts im Nürnberger Fastnachtsspiel, dann im 16. Jahrhundert in Schwankbüchern und wird 1523 von Martin Luther aufgegriffen. Natürlich hat sich auch der größte deutschsprachige Psychologe, der Gründer der Psychoanalyse selbst, des Themas angenommen: „Mutter und Tochter gehen zum Arzt. Sagt der Arzt zu der 18-Jährigen: ,Ziehen Sie sich bitte einmal aus.’ Die Mutter protestiert: ,Ich bin zur Behandlung hier und nicht meine Tochter!’ ;Gut,’ meint der Arzt, ,dann zeigen Sie mir mal Ihre Zunge!’.“

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