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Bulgarien

Europa
Von Jürgen Herda   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
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Der Eiserne Vorhang ist gefallen. Aber der westliche Blick ist immer noch getrübt vom Grauschleier der kapitalistischen Gardine, die zwischen der angeblich so farbenfrohen Warenwelt hie und der vermeintlich grauen, postsozialistischen Welt da Falten wirft – fest verankert in den Klischees bornierter Betonschädel.
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Schwarzmeerküste in Bulgarien.

Ach, würde nur einmal die besonders originelle Waschmittelwerbung hier zu ihrem Recht kommen! Eine Gehirnwäsche würde vieles erleichtern. Dahinter etwa käme ein Land zum Vorschein, in dem seit der jungsteinzeitlichen Karanovo-Kultur die Thraker, griechische Kolonisten, die Römer natürlich, schließlich die Slawen, Türken und Russen ihre in Stein gemeißelten Spuren hinterlassen haben – dies alles vor einer beeindruckenden Naturkulisse zwischen dramatischen Berglandschaften und der Schwarzmeerküste, die nur an manchen Stellen von Billigurlaubern und denen, die daran verdienen wollen, überrollt wurde.

Das ist doch die Höhe!
Dieses Bulgarien, dessen Reiche im frühen Mittelalter die gesamte Balkanhalbinsel beherrschten, erstreckt sich heute 520 Kilometer von der serbischen Grenze im Westen bis zum Schwarzen Meer im Osten, dessen Küstenlinie 378 Kilometer konkav von Norden nach Süden verläuft. Zu einem Drittel ist das Land von den zwei großen Ketten der Rhodopen im Osten und der Stara Platina, auch als Balkangebirge bekannt, in Zentralbulgarien bedeckt, dessen höchster Berg Botow sich 2376 Meter in die Luft schraubt. Der höchste Punkt nicht nur des Landes, sondern des gesamten Balkans aber befindet sich mit 2925 Metern auf dem Gipfel des Bergs Musala im Rila-Gebirge südlich von Sofia. Die natürliche Grenze zu Griechenland bildet im Süden das Piringebirge. Naturliebhaber müssen sich in die entlegendsten Regionen wagen und tief in unwegsames Gebirgsland vordringen, um die seltensten der rund 56 000 Tierarten, darunter die größte Bärenpopulation Europas zu entdecken.
Historische Musala-Brücke in Mostar, um 1900.

Hervorragend kann man viele der etwa 400 Vogelarten in der Nähe der Schwarzmeerküste vor allem beim Burgas Sees oder beim Durankulak See an der rumänischen Grenze beobachten. Die drei großen Nationalparks Rila, Pirin und Zentralbalkan sowie zehn Naturparks bieten Rückzugsgebiete und Lebensraum für Flora und Fauna. Die Europäische Union fördert außerdem Naturschutzprojekte entlang der Schwarzmeerküste.

Bulgaria-Joghurt und Weinverkostung
Niemand soll glauben, dass er auch nur den leisesten Schimmer von Land und Leuten, Natur und Kultur in Bulgarien hätte, weil er zwei Wochen in einem All-Inclusive-Bunker am Irakli-Strand verbracht hat. Der Sex-Appeal des Landes verbirgt sich in einsamen Bergdörfern, wo die 100-jährigen Bulgaren – ob nun des gesunden Klimas wegen, der toughen Lebensweise geschuldet oder doch Dank des berühmtesten Exportartikels namens Bulgaria-Joghurt, sei mal dahingestellt – noch immer unverdrossen den Kopf schütteln, wenn sie zustimmend ja sagen wollen. Er durchweht die Gräber im Tal der thrakischen Könige, ist kleinen musealen Städtchen wie Koprivschtiza am Oberlauf des Flusses Topolniza, im Herzen des Sredna Gora Gebirges auf die denkmalgeschützten Feldsteinmauern gezeichnet. Und er rinnt die feuchtfröhlich die Kehle hinab, wenn man bei einem kleinen Winzer in einem höhlenartig in die Erde geschaufelten Keller ein zwei Flaschen frisch gekelterten Weines probeweise in sich schüttet.

Studentenleben und Schluchten
Häuser im Stil der bulgarischen Wiedergeburt in der Altstadt in Plovdiv.
Es kann nie schaden, die Erkundung des Landes in der modernen Metropole Sofia am Fuße des Berges Vitosha zu beginnen. Die tosende Kapitale mit ihren 1,39 Millionen Weltbürgern folgt mehr dem amerikanischem Traum als der europäischen Tradition – schließlich wurde die Stadt im mittleren Westen erst 1879 als Hauptstadt erkoren und mehr von sozialistischen Stadtplanern denn von historischen Baustilen geprägt. Dennoch versprüht die lebendige Kulturszene und das fröhliche Nachtleben einen sympathischen, unkomplizierten Charme – wer nette Leute kennen lernen möchte, um bulgarische Geschichten aus erster Hand zu erfahren ist hier richtig. Anschließend bleibt genügend Zeit, um ausgestattet mit einem Zettel, was man auf keinen Fall versäumen sollte, in die alten Hauptstädte Veliko Târnovo (72 000 EW), das sich malerisch in die scharf geschnittene S-förmige Schlucht eines sich schlängelnden Flusses schmiegt, und in die Altstadt der mit 375 000 Einwohner zweitgrößten Stadt Plovdiv aufzubrechen, um das lustige Studentenleben in den Café-gesäumten Fußgängerzonen zu genießen. In Veliko Târnovo könnte man plötzlich in die Stimmung verfallen, weiter ins unerforschte Landesinnere vordringen zu wollen und, voilà, der günstigste Autovermieter Bulgariens steht Gewehr bei Fuß – freundlich arrangiert von der Tourist Information (www.velikotarnovo.info) für um die 15 Euro am Tag.

Ausflüge zu Holzfällerortschaften, zur traumhaften Bergfestung in Belogradschik, zu Wander- oder Skitouren in den alpinen Südwesten, zum berühmten Rila Kloster oder zu den in Felsen gehauenen Weinkellern im beschaulichen Melnik. Der Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit über die unzähligen bulgarischen Mythen und Legenden kommt man hier bei den urigen Winzern am nächsten, wenn der gute Tropfen, in dem eine 3000 Jahre alte Tradition kulminiert, die Zunge in den rauen Kehlen der herzlichen Gastgeber lockert und man mit einem Kauderwelsch aus einigen slawischen Brocken, Pidgin-Englisch und Gastarbeiter-Deutsch über das Leben, den Sinn und das große Ganze zu philosophieren beginnt.

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